LitTipps Archiv – Theologie und Religionspädagogik

Klaas Huizing
Schluss mit Sünde!

 


Kreuz-Verlag

 

Die Wissensgeschichte ist, so der Würzburger Schriftsteller und Theologe Klaas Huizing, eine Wellenbewegung von Wucherung und Verdichtung. Reduktionskünstler nennt er solche Denker, die das Wissen immer wieder konzentrieren. Die Reformationsgeschichte ist eine solche Verschlankung und Luther der Künstler. Aber Huizing hinterfragt das „sündenverbiesterte“ Menschenbild des Reformators, schlicht weil die meisten Menschen heute nicht von Höllenängsten herumgeworfen werden, sondern wissen wollen, wie Leben gelingen kann.

Er zeigt weiter, dass die Sünden-Theologie des Jahrhundert-Theologen Karl Barth ein gigantischer Emanzipations- und Autonomiehemmer war. An der Kain-und-Abel-Geschichte verdeutlicht er eine andere Lesart: Es geht nicht um Sünde, sondern um Scham, Kain schämt sich zu Tode, verliert sein Gesicht. Und diese Scham kippt um in Gewalt. Schuld könnte mit Strafe abgetragen werden, Scham aber verlangt nach einer Neujustierung des Charakters. Hier kommt Gott ins Spiel: Er will als "Weisheitslehrer" einen Ausweg weisen. Und Jesus Christus ist die Personifizierung dieser Weisheit. Weisheit statt Heil lautet das Programm einer Erziehung zur Mündigkeit.

Dann testet Huizing diese neue Form evangelischer Freiheit vor dem Hintergrund unserer neoliberalen Gesellschaft, die unbegrenzte Optionen für Optimierungen und Glücksversprechen anbietet. Das Leben kann in der Endlichkeit gelingen, sofern man nicht verlangt, dass es zu jedem Zeitpunkt „aus einem Guss“ besteht.

Eine kluge Abrechnung mit der Sündenverbiestertheit der Theologie. Und vor allem: Der Autor versteht es, Großes in kleine Bücher zu packen.

Hier kommt der Autor noch einmal selbst zu Wort und bekommt ordentlich Gegenwind.

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Ilona Nord, Hanna Zipernovsky (Hrsg.)
Religionspädagogik in einer mediatisierten Welt

 


Kohlhammer

In dieser Sammlung von Aufsätzen geht es nicht nur um Konzepte digitalen Lernens im RU, sondern darüber hinaus auch um „medienkritische Medienbildung“. Obwohl durch die Vielzahl von Perspektiven und Ansätzen natürlich kein einheitliches Konzept zu erwarten ist, leitet der Gedanke, dass der RU einen Beitrag dazu leisten muss, die Zukunft mediatisierte Lebenswelten lebensdienlich zu gestalten. Interessant ist die Tatsache, dass dieses Buch in Zusammenarbeit der Uni Würzburg mit der schwedischen Uni Umea entstanden ist.

Das erste Kapitel beleuchtet die Bedeutung von Medien für die Religionspädagogik: Die Bibel als Medium, die Medialität der Offenbarung, Theologie als Medienwissenschaft - das sind nur einige Aspekte. Das zweite Kapitel nimmt die didaktischen Perspektiven in den Blick. Nüchtern wird festgestellt, dass in der Grundschule die digitalen Medien in Deutschland nahezu ausgeblendet werden und dass das Thema Medien in Schulbüchern nur unzureichend vorkommt. Einzig Cybermobbing scheint ein virulentes Thema im RU zu sein. Im dritten Kapitel stehen die Herausforderungen und Chance im Mittelpunkt.

Hier wird es sehr spannend: Wir alle, Lehrende und Lernende, bewegen uns überall in erweiterten und komplexen Kommunikationsräumen. Dies stellt uns vor die Herausforderung, neue Lehr-Lern-Designs zu entwickeln. Chronologisches Vorgehen funktioniert hier nicht mehr, Lehrkräfte werden Lerngestalter, lernende Designer.

Insgesamt ist das Buch hoffentlich ein starker Impuls für eine produktive und kritische Diskussion in unserer Zunft.

Wer nach der Lektüre Lust darauf hat, Erkenntnisse in die eigene Praxis umzusetzen, der findet hier eine erfahrene Schule und einen erfahrenen Praktiker des Digitalen Klassenraums.

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Fechtner, Hermelink, Kumlehn, Wagner-Rau
Praktische Theologie

Ein Lehrbuch


Kohlhammer

 

Seit fast 20 Jahren geht mal wieder ein Lehrbuch der Praktischen Theologie an den Start – wurde auch Zeit! Erfreulich: mit 290 Seiten braucht man keinen Waffenschein dafür, kompakt, gut strukturiert und lesbar kommt es daher.

Aber warum sollte ich mir ein Lehrbuch kaufen? Das brauchte ich zur Examensvorbereitung und jetzt habe ich 10, 20 Jahre Praxis auf dem Buckel. Vielleicht gerade deswegen. Die Praktische Theologie versteht sich als Nachdenken über religiöses Handeln und das ist beim Lesen gut nachzuvollziehen.

Zuerst in den Querschnittsartikeln: Reflexion christlicher Religionspraxis, Christentum und moderne Gesellschaft, Religion und Gegenwartskultur und Religion und Individuum. Hier merkt man die Konzeption als Lehrbuch, denn diese Gebiete theologischen Nachdenkens sind nicht Darstellungen abwegiger Einzelmeinungen, sondern Gegenwartstheologie, allerdings zugespitzt und pfiffig, sensibel für kulturelle Veränderungen.

Es folgen die klassischen Handlungsfelder Kasualien, Kirchentheorie, Seelsorge, Pastoraltheologie, Liturgik und Homiletik. Die Religionspädagogik weist etwas Bemerkenswertes auf: Hier wird nicht mehr getrennt nach der Gemeindepädagogik und der Schulpädagogik – eine Ermutigung aller, die in der Schule arbeiten, und ein ekklesiologischer Fingerzeig.

Zu den klassischen Lebensäußerungen von Kirche und Religion treten Frömmigkeit/Spiritualität, Publizistik und Diakonik hinzu - eine notwendige und zugleich theologisch mutige Entscheidung aus der Wahrnehmung gegenwärtiger Religion heraus.

Fazit: Am Ende kommt man theologisch runderneuert, nach hinten versichert und nach vorne mit neuen Ideen versorgt aus dem Buch.

Hier kann man in das Inhaltsverzeichnis schauen, aber mindestens ebenso wichtig sind Sprache und Stil. Also mal ins erste Kapitel reinlesen.

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Holm Tetens
Gott denken

Ein Versuch über rationale Theologie


Reclam

 

90 Seiten, aber Vorsicht, die haben es in sich! Der gewichtigste Widersacher des Gottesglaubens, so der Professor für theoretische Philosophie aus Berlin, sei der der Naturalismus. Der behauptet nämlich, dass es nur die durch die Wissenschaften erkennbare Erfahrungswelt gäbe.

Der Autor kann aber gute Argumente dafür ins Feld führen, dass diese Behauptung selbst eine Glaubensaussage ist: Es sei nicht möglich, das Mentale und das „Ich“ rein naturalistisch zu erklären. Mehr noch: der Naturalismus selbst ließe sich nicht aus den Naturwissenschaften ableiten. Die Philosophie müsse, so Tetens, wieder über den gnädigen Gott, der vorbehaltlos unser Heil wolle, nachdenken, anstatt den Menschen als ein Stück hochkompliziert organisierter Materie zu sehen.

Eine Streitschrift ohne Polemik, dafür mit einer Argumentationsdichte, die ihresgleichen sucht. Findet auch die ZEIT.

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Andreas Venzke
Martin Luther

Die Freiheit des Wortes und das Lauffeuer der Reformation


Arena

 

Andreas Venzke, erfahrener Autor von Jugendbüchern über historische Gestalten und Geschichten, beschreibt das Leben des Reformators für Jungen und Mädchen ab 11 Jahren. Und die können ganz unterschiedlich an das Buch herangehen. Man kann z.B. nur die spannenden Erzählungen aus der Ich-Perspektive Luthers lesen - das erleichtert es für Jugendliche, die großen historischen Veränderungen und die schwierigen theologischen Zusammenhänge nachzuvollziehen. Das alles ist garniert mit Karikaturen: Luther, der den Teufel mit einer Bibel zu erschlagen versucht, prägt sich sicher ein. Oder man informiert sich in kurzen Sachkapiteln über Einzelaspekte der Reformation, verständlich und kurz geschrieben. Ein Glossar, eine Zeittafel und ein paar knackige Lutherzitate ergänzen das Buch. Wenn Gedrucktes Jugendliche noch erreichen kann, dann diese Seiten.

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Günter Scholz
„Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?“

Martin Luther in Selbstzeugnissen


C.H. Beck TB

Bücher über Luther werden im Moment nicht gezählt, sondern in Kilo gewogen. Warum sollte man nun also dieses Luther-Buch kaufen und lesen? Ganz einfach der Sprache des Reformator wegen! Der Kunsthistoriker Günter Scholz lässt den Wittenberger im Original zu Wort kommen und seine Geschichte erzählen. Schaut man ins Inhaltsverzeichnis, wird einem klar, dass hier nicht jedes Thema tiefgründig und gelehrt behandelt werden kann. Es sind vielmehr Schlaglichter. So wird z.B. das Übersetzen auf sieben schmalen Seiten verhandelt. Dafür hört man den Reformator im O-Ton und das mag dazu beitragen, dass sich das Gesagte dauerhafter im Gehirn festkrallt.

Und noch etwas ist zu bemerken: Der Autor redet den polternden Mönch nicht schön, bei machen Zitaten hält man die Luft an und es gibt wohl keine Seite, die man als politisch korrekt bezeichnen kann.

Deswegen sollte es nicht das einzige Buch sein, das man über Luther und die Reformation liest. Aber diese Gefahr droht dieser Tage ja kaum.

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Rainer Oberthür
Das Buch vom Anfang von allem


Kösel

 


Zwei Geschichten und einfach nur schön! Im oberen Teil der Seite wird die Entstehung der Welt aus der Sicht der Naturwissenschaft beschrieben, im unteren Teil aus der Sicht der Bibel und des Glaubens. Verbunden sind beide durch Bilder.

Mit einem poetischen Zugang überwindet Oberthür die scheinbare Unversöhnlichkeit zwischen Naturwissenschaft und Bibel und fügt es zu einem Ganzen. Es ist erfrischend, dass es kein „Und die Bibel hat doch recht!“ gibt – keine Rechtfertigung, einfach nur der andere Blick, der Blick des Geschöpfs auf die Schöpfung.

Die Texte sind fast liturgisch. Man könnte sich einen Gottesdienst vorstellen, in dem zwei Menschen die beiden Stränge lesen, die Bilder in die Kirche projiziert werden, die Orgel das Geschehen kommentiert.

Das Neben- und Ineinander der beiden Sichtweisen zeigt die Schönheit und – für Kritiker – die Versöhnung von Schöpfung und Evolution. Und Gott sah, dass es gut war!

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Harmjan Dam, Selçuk Dogruer,
Susanna Faust-Kallenberg

Begegnung von Christen und Muslimen in der Schule

Eine Arbeitshilfe für gemeinsames Feiern


V&R

Christlich-islamischer Dialog findet meist auf der Ebene der willigen Erwachsenen statt – wichtig, aber eigentlich eine Sonderwelt, die mit der Gesellschaft wenig zu tun hat. Dagegen wird das Fundament für ein gelungenes Zusammenleben an der Schule gelegt. Deswegen sind diese 100 Seiten so wichtig.

Nach einer theologischen Grundlegung aus islamischer und christlicher Sicht findet man im Buch praktische Informationen für die Begegnung von Muslimen und Christen an der Schule, fast wie ein Nachschlagewerk: Vom Sportunterricht bis zur Trinität ist hier vieles auf kleinem Raum und für jeden voraussetzungslos dargestellt.

Den Schwerpunkt bilden aber die beiden Schlusskapitel: Zuerst werden vier verschiedene Formen gemeinsamer Feiern dargestellt, unterschieden durch die „Fettnapfdichte“: Unproblematisch sind Formen der liturgischen Gastfreundschaft, hier gelten die Regeln des Gastgebers. Bei multireligiösen Feiern wird nebeneinander, bei interreligiösen Feiern aber miteinander agiert. Sehr sensibel muss man mit Schulveranstaltungen mit religiösen Elementen umgehen.

Religiöse Feiern an der Schule sind meist Kasualien: Das Bedürfnis danach erwächst oft aus Notsituationen wie bei Trauerfeiern oder sind gefragt anlässlich von Katastrophen. Und diese ereilen die Schulgemeinde ungefragt und plötzlich. Deswegen ist es so wichtig, dass Untertitel ist nicht nur so daher gesagt ist: Das Buch ist eine wirkliche Arbeitshilfe. Man muss es einfach in der Tasche haben, wenn man in einer Schule mit vielen Muslimen unterrichtet.

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Manfred Clauss
Ein neuer Gott für die alte Welt.

Die Geschichte des frühen Christentums


rowohlt


Das Buch ist beileibe kein Vergnügen! Das liegt nicht am Autor (schreibt gut und hat den theologischen Überblick) und das liegt auch nicht am Thema (was kann es Spannenderes geben als die Geschichte vom Wanderprediger zur Staatsreligion). Am Ende des Buches war ich heilfroh, dass das Christentum die ersten fünfhundert Jahre überstanden hat.

Clauss räumt mit einigen wohl gepflegten Mythen auf. Christenverfolgungen z.B. waren eher selbstgewählte Martyrien von Christen, die mit der vom fast formalen Opferkult durchdrungenen Welt auf Grund ihres Glaubens nicht klar kamen. Für Rom ging es um Loyalität gegenüber dem Staat, nicht mehr. Das war schwierig für viele Christen, die aber beileibe nicht alle den Märtyrertod suchten. Die Foltern dienten dazu, um sie zu einem Opfer zu zwingen und damit ihr Leben schonen zu können.

Rom hatte nur etwas gegen Religionen, wenn sie die öffentliche Ruhe störten, wie Höllenprediger und Untergangspropheten. Den oft radikalen Märtyrern wuchs aber mit der Zeit größere Bedeutung zu als den Bischöfen.

Viel eher war das Christentum durch innere Kämpfe, die nicht immer verbal ausgefochten wurden, bedroht. Manch evangelischer Theologe von heute wäre damals mindestens exkommuniziert worden.

Da das Christentum sich aber als grundsätzlich anpassungsfähig und -willig darstellte, ging es darum, Brücken zu bauen, die es einem Christ erlaubten, ganz pragmatisch unter dem Kaiser zu leben. Theologisch ist da von den Bischöfen manches sicher schärfer formuliert worden, als es tatsächlich gelebt wurde.

Wer bisher die Geschichte der alten Kirche gemieden hat – jetzt ist es Zeit, damit aufzuhören!

Der geschätzte Philipp Gessler vom Deutschlandradio ist allerdings ein wenig anderer Meinung.

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Dominic Musa Schmitz
Ich war ein Salafist

Meine Zeit in der islamistischen Parallelwelt


Econ


„Sie nennen dich Achi (Bruder), sie beten mit dir, sie essen mit dir, sie hören dir zu.“ Das mag es sein, was viele Entwurzelte, von der Gesellschaft Enttäuschte, von der komplexen Welt Verunsicherte in die Arme der radikalen islamistischen Sekte treibt. 2005 gerät der 17-Jährige in eine sich radikalisierende Moschee in Mönchengladbach, ist fasziniert vom klaren Weltbild und der rigorosen Ethik. Er hört auf zu kiffen, kleidet sich in 1400 Jahre alte Kleider und wird vollgepumpt mit einer unbändigen Wut auf die normalen Bürger.

Keine Musik mehr, keine Frauen, keine Nachdenken. Sein Mentor ist Sven Lau, der sich langsam zum Youtube-Imam entwickelt. Auch begegnet er immer wieder Pierre Vogel, mit dem er auch auf Pilgerfahrt nach Mekka geht. Er heiratet früh und überhastet, wird Vater und findet doch keinen Bezug zu seiner Familie. Deshalb stürzt er sich in die Mission. Mit den ganz normalen Muslimen überwerfen sie sich schnell – Bid’a ist er Kampfbegriff, der einen verbotenen Eingriff in die Religion bezeichnet.

Nur mühsam und schwer kann er sich aus der Szene lösen, nicht ohne Rückfälle. Erst als er aus dem Bad tritt und den Bart abgeschnitten hat, weiß er, dass er es geschafft hat.

In der doch recht abgehobenen Diskussion über den Salafismus ist das Buch zwar keine messerscharfe Analyse, aber ein guter Einblick in den Alltag eines Salafisten.

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Volker Leppin
Die fremde Reformation

Luthers mystische Wurzeln


C.H. Beck


In der Rückschau neigt man dazu, Personen zu heroisieren, Ereignisse aus dem Fluss der Zeit herauszuheben und Wendepunkte zu postulieren. So geschehen mit Luther, dem Thesenanschlag oder dem Turmerlebnis. Der Tübinger Kirchengeschichtler Leppin eröffnet dagegen eine neue Facette: Luther stand in einer langen Tradition mittelalterlicher Mystik, einer innerlich ausgerichteten Bußfrömmigkeit, die mit einer (römischen) auf Sichtbarkeit und Messbarkeit abzielenden Frömmigkeit kollidierte, die im Ablasswesen gipfelte.

Prägend für den Wittenberger Mönch war der Reform-Augustiner Johann von Staupitz, ein Gefährte Friedrich des Weisen: Er hatte schon vor Luther die Rechtfertigungslehre neu formuliert, blieb aber bei der alten Kirche. Der Mystiker Luther musste sich noch dazu abgrenzen von anderen Geistbewegten wie Müntzer oder den Schwärmern.

Ein anderes Buch, gleichfalls und zeitgleich bei Beck erschienen, erweitert dieses andere Bild: Der Historiker Volker Reinhardt zeigt in „Luther und die Ketzer“ die römische Sicht auf die Reformation. Die „kultivierten Italiener“ blickten mit Hass und Unverständnis auf die „barbarischen Deutschen“ und bagatellisierten die Ereignisse jenseits der Alpen. Die theologischen Diskussionen habe schon damals kaum jemand verstanden.

Fazit beider Bücher: Luther ist nicht mehr die Ausnahmeerscheinung, mit der das finstere Mittelalter beendet wurde. Sie öffnen den Blick auf viele andere Facetten der Reformation.

Viel Schlaues dazu und noch mehr findet sich in einem Artikel der FAZ: „Ein Gespenst namens Protestantismus“ ist der Artikel überschrieben und es geht um Reformatoren-Zwerge und einen Schrumpfgermanen.

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Bernd Beuscher
Tacheles Glauben

Christliche Klischees auf dem Prüfstand


Neukirchener Aussaat


Wenn unsereiner mal um die Ecke gedacht hat, dann ist Bernd Beuscher schon drei Blocks weiter. Knapp und pointiert – und unter 100 Seiten – nimmt er sich christliche Klischees vor: Von Absolutheitsanspruch, von Sünde und Bekehrung, von Kreuz und Kirche, von Himmel und Hölle. Apropos Hölle – da hofft er, dass sie einfach leer geliebt wurde, der Himmel nicht exklusiv für moralische Leistungsträger ist. Deshalb sollte man dankbar sein, dass Gott immer an einen geglaubt hat, nicht umgekehrt. Das sind aber keine charismatischen Postulate. Die Kapitel sind kurz, so kurz, dass sie sogar von SchülerInnen gelesen werden können, aber auf den zweiten Blick entdeckt man die theologische Struktur. Es ist ein theologischer Tanz, dessen Choreografie sich durchaus erschließt: Christlicher Glaube richtet sich nicht gegen die Ambivalenz des Lebens, sondern ist selbst existentielles Wagnis, „vertrauensvoll mit dem labilen Leben, mit dem Unwissbaren, Fremden umzugehen.“

Dabei ist die Sprache erfrischend und kurz. Im Fußballjargon ausgedrückt: Beuscher ist kein Freund des Passes in die Tiefe des Raumes, sondern er steckt seine Gedankenbälle durch in die Schnittstelle, dahin, wo es wehtut, da wo die Tore fallen. Ein preiswertes Büchlein – neunneunundneunzig – das jeden Gabentisch erleuchtet.

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Mouhanad Khorchide
Gott glaubt an den Menschen

Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus


Herder

 

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Man kann kein Buch lesen ohne Brille! Damit ist nicht die Sehhilfe gemeint, sondern die innere Brille, die Verstehenshilfe. Das gilt auch für den Koran, meint der Münsteraner islamische Religionspädagoge. Der barmherzige Gott sei die Schlüsselaussage in der heiligen Schrift der Muslime, von der her der Koran gelesen und interpretiert werden müsse. Von diesem leitenden Gedanken schließt Khorchide auf ein humanistisches Bild des Islam. Humanismus sei nichts, was sich der Mensch selbst schaffe, sondern humanistische Werte gälten absolut, hätten ihre Gründung in Gott. Und daraus leitet sich ein verantwortungsvoll handelnder freier Mensch ab.

Das mag für weite Teile des Christentums eine Selbstverständlichkeit sein, nicht aber für den Islam. Hier regiert oft noch ein wörtliches Verständnis des Koran und daraus abgeleitet ein gesetzliches Menschenbild: Im Koran steht, wie ich mich verhalten muss, Freiheit und Verantwortung treten in den Hintergrund.
Khorchide stellt bei Muslimen zwei Haltungen fest: Eine des Sich-Öffnens, der Reform und kritischer Reflexion und eine des Sich-Verschließens. Diese sähe keine Notwendigkeit für den innerislamischen Diskurs, in dem z.B. die Gewalt-Frage diskutiert werden könnte. Humanismus aber sei auf das Sich-Öffnen angewiesen.

Und so ist er radikal ehrlich. Khorchide negiert nicht die Gewalt legitimierenden Stellen im Koran: Es sei falsch zu behaupten, Islam hätte nichts mit Gewalt zu tun. Dies aber tritt, historisch und theologisch eingeordnet, hinter den Erkenntnis leitenden Gedanken zurück: Gott glaubt an den Menschen. Und das verändert das islamische Gottesbild. Der ferne Gott kommt näher.

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Birgit Knatz
Handbuch Internet-Seelsorge

Grundlagen, Formen, Praxis


Gütersloher Verlagshaus


Auch wenn Lehrende sicher nicht planen, eine große Internet-Seelsorge-Plattform aufzuziehen, so geraten sie doch öfter in der digitaler Kommunikation mit SchülerInnen in die Verlegenheit, Probleme via Tastatur zu besprechen. Allerdings verlangt die Kommunikation im Netz besondere, besser gesagt zusätzliche Kompetenzen. Das Buch bietet dafür in verständlicher Sprache Hinweise im Umgang damit, es ist sozusagen das Schweizer Messer der Internet-Seelsorge: Sprache und Kommunikationsformen im Internet, „Schreiben unter Strom“, methodische Ansätze und Praxisformen, „Kummer, Krisen und Konflikte“, normale Problemlagen oder psychischen Störungen – das sind einige der Themen. Rechtliche, technische und datenschutzrelevante Hinweise werden ebenso gegeben wie wichtige, erste Tipps zum speziellen Seelsorgeverständnis via E-Mail oder Chat. Außerdem setzt die Autorin darauf, theoretische Erörterungen mit Praxisbeispielen zu beleben. Zwar gibt es noch keine belastbare Studie, aber viele Hinweise deuten darauf, dass Onlineberatungen oder –therapien durchaus erfolgversprechend sind

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Rudolf Englert
Religion gibt zu denken

Eine Religionsdidaktik in 19 Lehrstücken


Kösel


Wer nach schnell umsetzbaren Unterrichtsideen sucht – bitte sofort aufhören zu lesen! Wenn man Schülerinnen und Schüler zu eigenständigem theologischen Denken befähigen möchte, dann beginnt die Arbeit bei einem selbst. Anders gesagt: Schülerorientierung darf nicht der Anfang des Religionsunterrichts sein, denn sie führt, wenn sie das Maß aller Dinge ist, dazu, dass es für die Lernenden viel zu tun, aber wenig zu denken gibt. Und deswegen setzt der katholische Religionspädagoge Englert das Lernstück vor das Lehrstück. Zuallererst muss sich der Lehrer, die Lehrerin in der Studierstube der eigenen Position bewusst werden, muss also lernen. Dabei legt er die Latte hoch: Er möchte nach der Denkbarkeit Gottes fragen. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Die Lernstücke sind anregend, machen Lust aufs Denken, ohne den Blick auf den Unterricht zu verlieren. Klug ausgewählte Zitate und klare Strukturierung machen die 19 Lernstücke aus: Religion und Vernunft, Erfahrung und Sprache, Gott und Mensch und Glauben und Verstehen sind die großen Bereiche. Bei aller theologischen Fokussierung, Englert bleibt immer Pädagoge. Er schaltet nach den informativen Bereichen verstörende Fragen ein und baut mit den wiederkehrenden Abschnitt „Vom Lernstück zum Lehrstück“ eine Wendung zum Unterricht ein, die immer nach der Kompetenzentwicklung und nach der Dramaturgie des Themas im Unterricht fragt. Ein Buch für alle, die mehr Anregung als Anleitung brauchen. Allein der Titel erschließt sich nicht – es geht um Lernstücke, weniger um Lehrstücke.

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Dietrich Bonhoeffer, Eberhard Bethge (Hg.)
Die Finkenwalder Rundbriefe


Gütersloher Verlagshaus

 


Briefe und Texte von Bonhoeffer und seinen Predigerseminaristen aus den Jahren 1935 bis 1946 sind jetzt in einem Ergänzungsband (Band 14) zu den Bonhoeffer-Werken erschienen. Hier wird die illegale Theologenausbildung der Bekennenden Kirche in Predigerseminar Finkenwalde auf 712 Seiten dokumentiert. Nach seiner Schließung 1937 schrieb Bonhoeffer, unterstützt von Eberhard Bethge, sogenannte persönliche Briefe. Eine kritische Würdigung sei Kompetenteren überlassen, dennoch scheint die Darstellung dieser klösterlichen Einrichtung einen lebendigen, kontextuellen Einblick zu geben, der Dank des ausführlichen Bibelstellenregisters auch der praktischen Exegese dient.

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Wilfried Härle
Warum Gott?

Für Menschen, die mehr wissen wollen


Evangelische Verlagsanstalt


Trinität, Erkenntnis Gottes, Gottes Wirken, Erlösungshandeln – all das wird in diesem Buch verhandelt. Wenn man dann noch hört, dass es auch um das Nicaeno-Konstantinopolitanum geht, werden theologische Laien und Reli-Lehrkräfte ein Kreuz schlagen und das Ganze den akademischen Spezialisten überlassen wollen. Aber genau das Gegenteil möchte die Reihe „Theologie für die Gemeinde“, die mit diesem Buch startet. Allgemein verständlich, aber nicht oberflächlich – das ist das Programm.

Der emeritierte Systematiker Härle ist hier (scheinbar) leichtfüßig über seinen akademischen Schatten gesprungen und hat einfach und direkt zur Sache geredet. Das Buch ist in klare Kapitel geteilt, die sich ohne Fremdwörterlexikon lesen und verstehen lassen und an deren Ende eine Zusammenfassung dem Verstehen hilft. Pädagogisch gesprochen hat er sich in der Kunst der Elementarisierung geübt, das Wesentliche dargestellt. Vor allem aber überlässt er es den Lesenden, sich zu verorten und sich eine Meinung zu bilden. Ein übersichtliches Stichwortverzeichnis ermöglicht es überdies, sich schnell zu informieren. Es gehört keine prophetische Gabe dazu vorauszusagen, dass Texte aus diesem Buch sich im Oberstufen-Unterricht wiederfinden werden. Vor allem aber ist es geistreiches, geistliches und philosophische Schmieröl in leicht rostig gewordenen theologischen Motoren.

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