LitTipps Archiv – Schöne Literatur

Robert Seethaler
Das Feld

 


Hanser

 

Ein Mann namens Harry sitzt auf einer Bank auf einem Friedhof und betrachtet die Grabsteine. Und diese fangen an, die Geschichte der Menschen zu erzählen, die unter ihnen liegen. Nun reiht Robert Seethaler eine Lebensgeschichte an die andere, manche kurz, nicht einmal eine Seite, manche lang, ausführlich. Zuerst sind es nur lose Puzzleteile, weit verstreut.

Die Toten selbst erzählen ihr Schicksal und das findet Harry richtig: „Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“ Aber ganze Biografien werden nicht erzählt, was aber erzählt wird, folgt keiner Regel, sogar die Sprache wechselt von Geschichte zu Geschichte.

Am Anfang kennt man nur den Namen der Stadt, in der diese Leben gelebt werden: Paulstadt. Im Kopf hatte ich eine leere Karte. Die feine Kunst des Autors besteht darin, auf dieser Karte Bilder entstehen zu lassen, von Häusern, Stuben, Arbeitsplätzen, vom Lehrer, Finanzbeamten, Gemüsehändler, von der Schuhladenbesitzerin. Die Geschichten sind überschaubar und der Stil im guten Sinne schlicht: Seethaler hat einmal von sich gesagt, er schreibe wie ein Holzschnitzer schnitzt. Alles Überflüssige komme weg.

Dennoch verlangt das Buch hohe Aufmerksamkeit: Denn Seethaler spinnt die Fäden zu einem lebendigen Bild einer kleinen Stadt. Aber das scheint nicht sein eigentliches Ziel zu sein - er erzählt von der Gelassenheit und Sanftheit des gelebten Lebens, obwohl sich neben den stillen Geschichten ohne Höhen und Tiefen auch dramatische Schicksale finden. Am Ende klappt man das Buch sehr langsam zu, legt es vor sich und sagt: "Ja, so ist es!"

Die Einschätzung des Deutschlandfunks ist HIER zu hören, einen Beitrag der aspekte-Redaktion gibt es HIER.

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Usama Al Shahmani
In der Fremde sprechen die Bäume arabisch

 


Limmat

Der 1971 in Bagdad geborene Autor erzählt von seinen Erfahrungen der Flucht in die Schweiz und von den Schwierigkeiten seiner Beheimatung. Noch während des Asylverfahrens erreicht ihn die Nachricht vom Verschwinden seines Bruders Ali. Selbstvorwürfe, Ungewissheit und Angst um seinen Verwandten zermürben ihn. Das Leben in der Fremde empfindet er als eine „Abwesenheit der Seele“ - er fühlt sich hilflos und machtlos, weit weg von Bagdad und seiner Familie. Er beginnt sich an einsame Orte zurückzuziehen.

In seinem Gefühl des Andersseins baut er eine besondere Beziehung zur Natur auf und verbindet mit ihr wichtige Erfahrungen und Personen. Nur in der Natur findet er das Gefühl von Heimat, Verständnis und Willkommen sein, sie ist für ihn ein Spiegel seines Selbst, ein Trost spendender Rückzugsort in Zeiten von Trauer und Angst.

Immer präsent sind aber die für ihn prägenden Ereignisse des Krieges. Seine Schilderungen sind erschreckend real, vergegenwärtigen das Leiden der im Krieg Lebenden auf eine direkte und persönliche Art und zeigen die nicht sichtbaren Spuren, die der Krieg hinterlässt.

Ein Roman voller unbeantworteter Fragen und Ungewissheiten, bestückt mit sprachlichen Bildern und Vergleichen, Parallelen zur arabischen Sprache sowie einigen arabischen Schlüsselworten. Er übernimmt die Schönheit und Poesie seiner Muttersprache ins Deutsche und schenkt dem Roman dadurch eine einzigartige sprachliche Intensität. Ein beeindruckendes Lese- und Spracherlebnis!

Sehr viel ausführlicher ist die Rezension von Frederike Middelhoff

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Iwan Turgenjew
Väter und Söhne

 


dtv

 

Ich habe so meine Schwierigkeiten mit klassischer Literatur, aber dieses 150 Jahre alte Buch hält einen in Atem. Es ist die Geschichte zweier Freunde, die im Russland des 19. Jahrhunderts, einer Zeit der großen Umbrüche, der Zeitenwende, gemeinsam ihre Väter besuchen. Basarow, Medizinstudent und Nihilist aus St. Petersburg, ist der radikalere der beiden: Wozu noch an alten Werten und Idealen festhalten - weg damit! Turgenjew hat den Begriffs des Nihilismus mit diesem Buch populär gemacht, eine Haltung, die die Möglichkeit verneint, objektiv Welt und Gesellschaft, Werte und Erkenntnis zu beschreiben.

Sein Freund Arkadi, ebenfalls Teil der radikal-liberalen Jugendbewegung ist da vorsichtiger, ängstlicher: Gelten die alten Wahrheiten der Väter noch? Die Leibeigenschaft war gerade abgeschafft worden, Arkadis und Basarows Väter sind Gutsbesitzer, bewegen sich ganz langsam in die neue Zeit. Die Liberalen aber setzen auf Konfrontation und Kollision.

Dann verlieben sich die jungen Männer noch in die gleiche Frau, eine starke Person in diesem Buch. Anna ist die Gegenfigur zu Basarow, an vielem interessiert, von wenigem befriedigt. Für ihn ist das die Probe aufs Exempel: Kann man sich als Nihilist überhaupt verlieben?

Das Buch löste beim Erscheinen ein wahres Erdbeben aus, leidenschaftliche literarische und politische Debatten, und man kann es gut in der heutigen Zeit lesen, in Zeiten der digitalen Revolution und Globalisierung, der Digital Natives und Digital Immigrants.

Der Deutschlandfunk findet es auch gut, dass hier eine Neuübersetzung entstanden ist.

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Jonas Lüscher
Kraft

 


C.H. Beck

 

Eine Million Dollar hat der Internet-Mogul Erkner ausgelobt für die Antwort auf die Frage, warum alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Genau das Richtige für Richard Kraft, Rhetorikprofessor aus Tübingen, der sich in jungen Jahren schon opportunistisch einen marktliberalen Anstrich gab. Genau das Richtige, weil er Geld braucht, um seine unglückliche Ehe mit Heike aufzulösen. Er macht sich auf ins Silicon Valley und versucht zu schreiben.

Statt sich darauf zu konzentrieren, tauchen vor seinem Auge seine Beziehungen auf: Jede Frau eine Sackgasse. Die letzten 14 Jahre samt Zwillingen bezeichnet Heike als „Experiment“, das es zu beenden gilt, gibt ihm 14 Tage familienfrei. Er muss an Johanna denken, die Biologin aus den Studienjahren, die ihre Hefekulturen politikfrei betreute – ein Symbol für die Naturwissenschaft, die über die Poetik lacht. Vielleicht kann er sie jetzt nach vielen Jahren hier besuchen.

Auch seine Theorien haben ihren Sinn verloren, der alteuropäische Intellektuelle scheitert. Fuchs und Igel: Der Fuchs ist schlau und kann vieles, ist aber dem Igel, der nur eine Sache kann, unterlegen - Kraft wird immer mehr vom Fuchs zum Igel. Die millionenschwere Rechtfertigung der Technik scheitert trotzdem.

Es ist eine Abfolge von unglaublichen Szenen, sprunghaft, aber doch letztlich zusammengesetzt. Und man wundert sich, warum ein recht unsympathischer Mensch einen so in den Bann ziehen kann.

Spannend dazu der Literaturkritiker Andreas Isenschmid in 3sat

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Ulrike Edschmid
Ein Mann, der fällt

 


Suhrkamp

 

Eigentlich so gar kein Buch für mich, Liebesgeschichte mit dramatischer Lebenswende. Juli 1986: Ein Paar, das ein neues Leben anfangen will, renoviert eine Berliner Wohnung. Er fällt von der Leiter, querschnittsgelähmt. Er kämpft sich zurück, aber es wird nicht die abgedroschene Floskel vom "Willen" bemüht. Er kann sich wieder mit Stöcken fortbewegen, aber von richtigem Laufen kann nicht mehr die Rede sein. Das Fallen hört nicht auf – er fällt immer wieder, im Bad, auf dem Gehsteig, im Büro, im Supermarkt. "Er lernt zu fallen", heißt es an einer Stelle. "Ob es geht, wird sich zeigen, wenn er es tut. Sein Weg ist keine Rückkehr." Das Selbstverständliche erfährt jeden Tag eine radikale Umdeutung.

Die Kamera zieht auf, die Wohnung - Zufluchtsort und Beobachtungsstation - kommt in den Blick, das Haus, der Behindertenparkplatz, um den es einen ständigen Kampf gibt. Nebenbei wird es so zu einem West-Berlin-Buch. Das Leben draußen wird schneller, lauter, roher, gewalttätiger.

Bemerkenswert an dieser Autorin ist ihr Ton, ein ganz besonderer, beeindruckender Ton. Hier wird nicht gewertet, sondern geschildert. Nicht sagen, sondern zeigen, lautet eine alte Regel des Schreibens.

Doch ein Buch für mich!

Auch die Süddeutsche findet das Buch gut.

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Axel Hacke
Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

 


Kunstmann

Der Autor sitzt auf einer Bank, über ihm im Haus hört man einen Ehestreit. Plötzlich schubst ihn ein alter Herr mit einer überraschend kräftigen Bewegung ins Gras. Sekunden später kracht auf eben jene Stelle aus dem Fenster oben ein schwerer Globus auf die Bank.

Von diesem Tag an besucht ihn der melancholische Alte oft. Manchmal ist er zu verrückten Streichen aufgelegt und lässt die steinernen Löwen in der Feldherrnhalle durch Feuerreifen springen. Eigenartige Begegnungen sind an der Tagesordnung: So die trotz Verbot rauchende Schlange, der der Alte mit den Worten „Irgendwie verbotsresistent!“ die Kippe aus dem Maul nimmt. Der alte Mann zeigt ihm nun seine Frühwerke, verworfene Schöpfungen, wie z.B. die Ein-Mann-an-einem-Schreibtisch-Welt, die eine unendliche Traurigkeit ausstrahlt. Irgendwie hadert Gott mit seinem Werk und sucht Zerstreuung und Unterhaltung. Als die Welt mal wieder von religiösen Eiferern erschüttert wird, trifft er Gott am nächsten Tag am Flaschencontainer. Er habe – quasi aus Trotz gegen moralischen Religionsbotschaften - das ein oder andere Gläschen Champagner trinken müssen. Aber es bleibt nicht nur der Zweifel an seiner Schöpfung, er führt auch einen riesigen Schmetterling in seiner ganzen Schönheit vor.

Ein schmales Bändchen voller Humor und Herzenswärme, schön illustriert von Michael Sowa. Theolog*innen müssen aber manche Seiten aber zweimal lesen, weshalb ich das Buch auf etwa 160 Seiten schätze.

Mehr Eindrücke gibt es bei „Christ in der Gegenwart“, von Christine Westermann und in der Leselupe.

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Gerd Theißen
Der Anwalt des Paulus

 


Gütersloher Verlagshaus

 

Erasmus, Anwalt in Rom, wird von Vertretern der jüdischen Synagoge darum gebeten, die Verteidigung eines gewissen Paulus zu übernehmen. Bevor er sich entscheidet, holt er überall Informationen über diesen umstrittenen Menschen ein. Sein philosophischer Freund Philedemos, rät davon ab. Aber Erasmus ist verliebt in Hannah, die kluge Tochter des Synagogenvorstehers. Sie ist es auch, die ihn im Verlauf der Geschichte zu den Christusanhängern mitnimmt.

Wenn ein renommierter Neutestamentler einen Roman schreibt, sollte man keinen Historienschinken wie Spartakus erwarten. Hier knistert keine Spannung, es ist eher ein Lehrroman, eine unterhaltsam lesbare Geschichte des Paulus und seiner Denkweise.

Mir hat gefallen, dass es keine fromme Heiligenlegende ist, sondern hier die Geschichte des Paulus und der Christen aus römischer Sicht erzählt wird: lästige Streitereien im Judentum also, die den Frieden Rom, die Pax Romana stören.

Spannend und zugleich hochaktuell der Dialog des Anwalts mit Paulus im Gefängnis über das Gesetz: Macht das Gesetz den Menschen besser, oder ist er besser ohne Gesetz? Vor allem aber will Erasmus eine Antwort auf die Frage, ob dieser Jude noch dieser Fanatiker geblieben ist, der er früher einmal war, als er die Christen verfolgt hat?

Am Ende wird es dann doch noch einmal leidlich spannend, aber darum geht es wohl auch nicht. Es kommt Theißen auf den Dialog an, in diesem Buch wird unentwegt geredet, und das alles hat seinen Sinn. Am Ende hat man sich auf leichte Weise eine kurze Theologie des Paulus angeeignet. Was will man mehr!

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Eugen Ruge
Follower

 


Rowohlt

Das ist eines der verrücktesten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Das merke ich immer daran, dass ich immer wieder Leuten davon berichten muss. Eugen Ruge erzählt eine finster-komische Geschichte aus der nächsten Generation, aus einer Zukunft, in der wir schon jetzt leben.

Aber zuerst zum Stil (hier gibt es Leseprobe!): Die Geschichte von Nio Schulz, der in China unterwegs ist, um die neueste Geschäftsidee seiner Firma zu vermarkten, wird ohne Punkt, ohne Satzende erzählt. Was bei vielen Autoren eher als bemühte Originalität daherkommt, wird bei Ruge zum „time tunnel“ hin zum Verschwinden von Nio aus der digital bestimmten Welt. Schwer, sich diesem Sog zu entziehen.

Nio schwimmt in einem Strom unaufhörlicher Informationen, die er in seine Brille eingespiegelt bekommt. Seine Welt ist „pc“, gegendert, optimiert: Männerfahrstuhl, Sonderbefähigte am Frühstückstisch, eumelanin-pigmentierte Menschen, Kaiserschmarrn eifrei, milchfrei, mehlfrei, ohne Zucker. Nio taumelt durch seine Welt wie in einer Wasserrutsche, einer Röhre voller aufblinkender Lichter und unerwarteter Richtungswechsel.

Dann am Ende des Buches ein unglaublicher Abschnitt: Vom Urknall an entwickelt der Autor die Unwahrscheinlichkeitsgeschichte, die zum Individuum Nio Schulz führt, die Unwahrscheinlichkeit der Entstehung des Kosmos, der Erde, des Lebens und dann durch die Menschheitsgeschichte hindurch die Unwahrscheinlichkeit der Generationenfolge. Und doch existiert er, um dann vom Radar der Überwachungsbehörden zu verschwinden und aus der Welt der Waren zu entfliehen. Wie gesagt, ein verrücktes Buch.

Etwas kritischer sieht das Burkhard Müller von der ZEIT

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Hanns-Josef Ortheil
Was ich liebe und was nicht

 


Luchterhand

 

Ach, viel kann man über dieses Buch gar nicht sagen. Doch, eines: jeden Abend habe ich mich gefreut, den Computer herunterzufahren, mich in den Sessel zu setzen und von Ortheils Vorlieben und Abneigungen zu lesen: über Musik hören und fernsehen, über Briefe schreiben und telefonieren, über Schwimmen im Meer und Fußball, übers Wohnen und den Garten, über Oasen und den Westerwald, über das Gotteshaus und innere Landkarten.

Es ist die Geradlinigkeit der Sprache und Freude am Leben, nicht ungetrübt, aber nach vorne gewandt, die den Lesegenuss ausmacht. Und zu jedem Kapitel schreibe ich mein eigenes dazu. Schade nur, dass das Buch auf Seite 363 aufhört.

 

Mehr hier:

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Feridun Zaimoglu
Evangelio

 


Kiepenheuer&Witsch

 

Zehn Wochen, nur zehn Wochen braucht der Wittenberger Professor Martin Luther, um auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Vogelfrei ist er und deshalb hat der Kurfürst von Sachsen angeordnet, ihn dort zu verbergen und festzusetzen.

Erzählt wird die Geschichte von Burkhard, einem zu seinem Schutz abgestellten Landsknecht, der sich aber mit der Arbeit Luthers schwertut: Die Übersetzung Gottes ins „Teutsche“ wird die Welt entzweien. Burkhard ist ein Altgläubiger, ein Römling, der aber seine Pflicht – allerdings kopfschüttelnd - ernst nimmt.

Beim Schreiben verabschiedet sich Zaimoglu von der Gegenwart und reist ins Jahr 1521, frisst zum Frühstück Rüben in heißer Asche gegart und gehobeltes Kraut, um mit Wanstreißen Sätze auszuspeien. So kommt er dem Sprachschöpfer Luther nahe, schlüpft in seine Haut. Und die Haut des Wittenberger Mönchspfaff wird zerfurcht vor lauter Angst vor dem Teufel, vor lauter Aberglauben, rötet sich vor Wut, schwitzt der vielen Sünden wegen. Dann erfindet Luther die Sprache neu, gibt der Botschaft Bilder, lässt Menschen Erlösung lesen und glättet seine Haut.

Wer die ersten zehn Seiten von Zaimoglus Worttaucherei übersteht, auf den wartet ein Spracherlebnis.

Hier gibt es noch mehr Informationen:

http://www.deutschlandradiokultur.de/feridun-zaimoglu-ueber-seinen-roman-evangelio-diese-worte.1270.de.html?dram:article_id=380840

https://www.ndr.de/kultur/buch/buchdesmonats/Feridun-Zaimoglu-Evangelio,evangelio102.html

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2017/03/Feridun-Zaimoglu-Evangelio.html

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Alissa Ganijewa
Eine Liebe im Kaukasus


Suhrkamp

 

 

In diesem Roman stimmt nichts! Es ist eine verrückte Welt dort im postsowjetischen Dagestan, irgendwo in einem Ort an der Bahnstrecke zum Kaspischen Meer, einer Welt, der beim Spagat zwischen Tradition und Moderne die Sehnen gerissen sind. Die 25-jährige Patja und der Rechtsanwalt Marat arbeiten beide in Moskau, treffen sich aber erst in ihrem Heimatort. Marats Mutter hat schon einen Hochzeitssaal gemietet, allein es fehlt noch die Braut. Nervenzehrend führt sie ihrem Sohn eine nach der anderen vor – sein Widerstand lässt langsam nach. Patja hingegen muss sich der Avancen des paschahaften Timur erwehren, der ihr mit psychischer Gewalt nachstellt. Im Hintergrund der Kampf der alten sufistischen Moschee und der eindringenden wahabitischen, der Kampf zwischen Folklore und Konsum, Aberglaube und Internet. Dazu kommt noch der schillernde Oligarch Halilbek, der je nach Perspektive als mafiöser Verbrecher oder als väterlicher Heiliger gesehen wird.

Die Sprache des Romans ist ein Feuerwerk, mit ihr begegnet die Autorin in einer Art Notwehr der grotesken Welt ihrer Heimat. Ein Hinweis: Wer nicht gerade ein Spezialist für Sufismus ist und über profunde Kenntnisse der Geschichte Dagestans verfügt, sollte das Schlusskapitel „Hinweise für den uneingeweihten Leser“ der Übersetzerin vorab lesen. Hier gibt es noch eine Leseprobe und einen Hörfunkbeitrag des WDR.

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Ian Caldwell
Das geheime Evangelium


Rütten & Loening

 


Endlich wieder ein Vatikan-Thriller, noch dazu ein richtig guter. Der Kurator einer Ausstellung im Vatikan um das Turiner Grabtuch wird ermordet in Castel Gandolfo aufgefunden. Der orthodoxe Priester Simon gerät unter Verdacht und wird vor ein vatikanisches Geheimgericht gestellt. Sein Bruder, ein ostkatholischer Priester – ja, das gibt es! – recherchiert, gerät aber selbst zwischen Fronten, die er nicht durchschaut. Der Kurator hatte nämlich eine uralte Schrift entdeckt, aus der hervorgeht, dass das Grabtuch zuerst in Besitz der Ostkirche gewesen sein soll, also von den „westlichen“ Katholiken während der Kreuzzüge geklaut wurde.

Das Ganze wird dadurch aktuell und brisant, weil der Papst die Aussöhnung mit den Orthodoxen sucht. Und die hat im Vatikan mächtige Gegner, die offensichtlich vor nichts zurückschrecken. Als Zugabe gibt es eine Extra-Stunde in moderner Bibelauslegung. Wie schön doch Verschwörung sein kann, wenn sie im auf heiligem Boden stattfindet.

Wer mal reinhören möchte, kann dies hier tun.

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Till Raether
Fallwind


rowohlt

 

 

Adam Danowski, Kriminalkommissar, hat einen prall gefüllten Rucksack auf, voll der eigenen Geschichte. Dienstliche Verfehlungen, Burnout, Versetzung. Die früh verstorbene Mutter erscheint als „Stressanker“ in den Szenen, der real lebende Vater hütet seine Kinder zu Hause. Dazwischen ein erschütterndes Familiengeheimnis. Aber halt, das ist doch ein Krimi – also zum Fall: Aber auch da geht es trübsinnig zu. In einer grauen Nordseestadt wird eine Frau am Leuchtturm gefunden. Sie gehörte als Jugendliche zu den drei Leuchtturmkindern, die unter der Woche in einer Pflegefamilie wohnten, scheinbar unbescholtene Lehrer. Deren Sohn war mit den Mädchen befreundet. Als nun die zweite des Trios ebenfalls tot unterm Turm gefunden wird, wird Danowski klar, dass sich hier die Webstücke der Vergangenheit in der Gegenwart neu zusammensetzen, ganz wie im eigenen Leben.

Oder ist das alles nur Psychospielerei und ist der windige Windkraftbetreiber eigentlich treibende Kraft des Verbrechens? Waghalsige Finanzgeschäfte, in die eine der Toten verwickelt war, treten zu tage. Raether schreibt hier einen Krimi, der voller feinsinniger psychologischer Verästelungen ist, nicht konstruiert, sondern realistisch. Es kommt Spannung auf, ganz ohne Gewalt und Horror. Aber warum wacht er ganz am Anfang des Buches hoch oben in einer Gondel eines Windkraftrades auf?

Viel ausführlicher schreibt der NDR über den Krimi und mehr über den Autor gibt es auf seiner Homepage.

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Selva Almada
Sengender Wind


Berenberg

 


Die Pampa inmitten Argentiniens, heiß, trocken, öde. Reverend Pearson verreckt das Auto, findet aber irgendwo im Nirgendwo die Werkstatt von Gringo Brauer. Die schlechtgelaunte Tochter des frommen Mannes freundet sich während der Reparatur mit dem Jungen Tapioca an, den der Mechaniker aufgenommen hat.

Der Reverend hat nichts Besseres zu tun als Tapioca für Jesus zu gewinnen und ihm die Seele zurecht zu meißeln. Doch Gringo hat etwas dagegen. Einerseits würde er hier in der Wüste allein zurückbleiben, wenn Pearson den Jungen mit in die Stadt nähme, anderseits kann er mit der Religion des Predigers nichts anfangen: Das sei etwas, um sich vor der Verantwortung zu drücken, indem man dem Teufel die Schuld in die Schuhe schiebt. Gringo hält sich an seine Berge, in denen er das Leben spürt. Der Prediger und der Mechaniker umtost von einem nächtlichen Unwetter einen Zweikampf aus, während sich zwischen der Tochter des Gottesmannes und dem schweigsamen Ziehsohn des einsamen Wolfs ganz andere Beziehungen anbahnen.

Tatsächlich bleibt der Glaube des Reverend blutleer. Es bleibt bei einer Möchtegern-Mystik: „Öffnet Jesus eure Brust!“ Das Auto läuft am Schluss wieder, aber wer fährt mit, wer bleibt?

Dem rbb-Kulturradio gefällt das auch!

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Hans Rath
Und Gott sprach: Du musst mir helfen


Wunderlich

 


Es ist Winter. Jakob Jakobi, Psychiater, der anderen hilft und dem selbst nur schwer zu helfen ist, ist gerade von zwei Kleinkriminellen abgezogen worden. Plötzlich steht Abel Baumann vor der Tür, ein ehemaliger Patient, der vorgibt, Gott zu sein. Und wirklich geschehen ab und zu Wunder, wenn er da ist. Beim gemeinsamen Frühstück eröffnet ihm Abel fast nebenbei, dass er Jakob auserwählt hat: Welthunger bekämpfen, Kriege beenden, gerechte Welt schaffen. Jakob streubt sich – ganz in alttestamentarischer Prophetentradition – gegen den Job als Messias, nicht zuletzt deswegen, weil ihm Abel ausgerechnet die Kleinkriminellen als Jünger zur Seite stellt. Aber die Geschichte ist ja noch nicht zuende. Die Bücher von Hans Rath, es sind schon zwei Bände zuvor erschienen, sind mit christlichem Vergnügen zu lesen, weil er feine Ironie, kluge philosophische Gedanken und Respekt vor Glaubensdingen verbindet.

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Andreas Föhr
Totensonntag


Knaur

 


Krimis und Religion haben eines gemeinsam: Sie beschäftigen sich mit Schuld. Was aber Andreas Föhr hier seinen Kommissar Wallner erleben lässt, ist schier unvorstellbar. Ein Geiselnehmer, eigentlich ein bekannter Kleinkrimineller, stützt sich aus einer Materialseilbahn. Kurz darauf entdeckt Kollege Kreuthner in der Krypta einer kleinen Privatkirche in einem seltsam verzierten Sarg ein Skelett mit einer Kugel im Schädel. Auf der Messingplatte ist „Frieda Jonas 24.3.1921- 2.5.1945“ eingraviert. Von nun an oszilliert das Buch zwischen der Zeit des nahen Kriegsendes und der Gegenwart. Die Dorfbewohner von Dürnbach lassen den Kommissar ins Schweigen laufen, niemand will sich an eine Frau dieses Namens erinnern, nur eine Verrückte hat manchmal helle Momente. Als aber Fotos aus der Zeit auftauchen, gerät das Schweigen in Bewegung, der Besitzer wird ermordet, die Fotos gestohlen. Die spießbürgerlichen Dorffeindschaften entblößen ihre Wurzeln, die in die Zeit des Krieges zurückreichen, Gegenwart und Vergangenheit kommen sich immer näher – so weit, dass die finsteren Figuren aus der dunklen Zeit ans Licht der Jetztzeit gezerrt werden. Ständig entwirft der Leser neue Schuldzuweisungen, immer wieder werden sie zerschlagen. Das ist aber kein bloßes Spiel zur Steigerung der Spannung, sondern eine kluge Auseinandersetzung mit der Schuld.

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Phil Rickman
Sündenflut


rororo

 


Die Exorzistin der anglikanischen Kirche... Verzeihung, die Beauftragte für spirituelle Grenzfragen in Herfordshire Merrily Watkins bekommt nasse Füße. Ihre Heimatgemeinde droht überflutet zu werden. Der einzige, der sich da sicher fühlt, ist der von einer Fatwa verfolgte Religionskritiker, der ins ländliche, aber keinesfalls unschuldige Ledwardine geflohen ist. Die rauchende Pfarrerin hat zusätzlich Ärger mit einer archäologischen Ausgrabung: Militanten Christen passt das urzeitliche Heiligtum ebenso wenig in den Plan wie den Atheisten. Zu allem Überfluss treibt auch noch ein Mörder sein Unwesen. Der bislang zehnte Krimi mit theologisch-kirchlichem Hintergrund und eine Protagonistin, die sehr komplex ist, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Bitte nur im Urlaub lesen, sonst bleibt die Arbeit liegen.

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Assaf Gavron
Auf fremdem Land


Luchterhand

 


Erst einer, dann zwei, es werden immer mehr Wohnwagen. Sie stehen da, wo sie nicht stehen dürften: Im Naturschutzgebiet, zu nah an der militärischen Sicherheitszone, teils auf dem Boden eines palästinensischen Dorfes. Die illegale Siedlung in den Hügeln der Westbank wächst und zieht ganz unterschiedliche Menschen an. Otniel, der Gründer, hat nur Tomaten und Rucola im Sinn, Roni war Banker in New York und sein Bruder Gabi sucht seinen Frieden im jüdischen Chassidismus. Und dann ist da der arabische Familienvater, der Öl presst aus Oliven von Bäumen, die zehnmal so alt sind wie der Staat Israel.

Es ist ein verstörender Blick in die Siedlerseele, oft kaum auszuhalten. Der Autor hat immer wieder Siedler besucht, hat sich ihnen ohne Vorurteile genähert. Obwohl die 340.000 Siedler ein weltpolitisches Pulverfass sind, gibt es kaum politische, soziologische oder religiöse Studien über sie und ihr Leben. Gavron legt das Innere dieser Bewegung in einer Weise offen, die mit brutal nur unzureichend beschrieben ist. Oft habe ich das Buch kopfschüttelnd beiseitegelegt – hart zu akzeptieren, dass es ein unideologisches Buch über israelische Siedler geben kann. Aber der Autor packt einen immer wieder mit seiner schonungslosen Sprache, bei der man nicht immer weiß, ob sie sarkastisch, ironisch oder ernst gemeint ist.

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Ingrid Noll
Hab und Gier


Diogenes

 


Ein unanständiges Angebot: Der kinderlose Witwer Wolfram macht seiner ehemaligen Kollegin Karla aus der Bibliothek eine Offerte: Wenn Sie ihn bis zu seinem Tod, und der scheint nicht allzu weit entfernt, pflegt, vermacht er ihr das halbe Erbe. Nicht unattraktiv, besteht es denn aus einem veritablen Haus in der besseren Gegend der Sta. Karla ist früh in Rente gegangen, ihre viel jüngere Freundin Judith bekommt Wind von der Sache. Sie ist mit Feuereifer dabei, bezirzt Wolfram, Eifersucht sickert zwischen die beiden Freundinnen. Naschforsch, so würde es Judith angehen, skrupulös-verantwortungsvoll, das wäre der Weg von Karla. Aber da ist noch der Ex von Judith, der sich in das Haus einschleicht und in vorauseilendem Gehorsam Schreckliches begeht. Eine schwarze Komödie, die aber eine ernsten Blick wirft auf die nicht sterben wollende Generation der Alten.

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J.M. Coetzee
Die Kindheit Jesu


S. Fischer

 


Der kleine David kommt über den Ozean in ein neues Land, hat aber auf dem Schiff den Brief verloren, der seine Vergangenheit und den Aufenthaltsort seiner Eltern enthielt. Simón, ein älterer Mann, nimmt sich seiner an und versucht – selbst fremd im fremden Land – eine Mutter für ihn zu finden.

Zuerst aber muss Arbeit finden, er schleppt schwere Säcke am Hafen und philosophiert mit den Arbeitern. Das tut er aber auch mit David. Hier spielt die Geschichte von Don Quichote eine zentrale Rolle, der die Welt sieht, wie er will. So ist auch David. Er sträubt sich gegen die Allgemeingültigkeit der Mathematik, er hat seine eigene. Als er aufgefordert wird, die Wahrheit zu sagen, entgegnet er: „Ich bin die Wahrheit.“

In einer Wohnanlage für Reiche meint Simón eine Mutter für David gefunden zu haben. Inès nimmt David als Sohn an, zieht in Simóns winzige Wohnung und verdrängt ihn. Inès wird umgekrempelt: Aus einer heimatlosen Frau mit Cocktails und Tennis wird eine Mutter. Aber David will sich nicht einfügen, er sucht nicht nach Sicherheit, sondern nach einem neuen Leben.

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Frank Goosen ea.
Die schlimme Zeit zwischen Aufstehen und Hinlegen


rowohlt polaris

 


Ich mag keine kurzen Sachen, keine Kurzgeschichten. Aber dieses Buch ist dazu geeignet, nein, es schreit danach, am Frühstückstisch vorgelesen zu werden. Man kann sich ja über vieles ärgern, und die meisten Menschen können das sehr gut: Über Nachbarn, Call-Center-Angestellte, U-Bahn-Musikanten, fiese Geräte oder noch aufzubauende Fertigmöbel. Oder Ämter und Unternehmen (Die Bahn). Das Wetter! Aber nur die wenigsten Menschen vermögen das Genervtsein mit Humor, Selbstironie und sprachlicher Schärfe auszudrücken und schließlich zu überwinden. Es ist eine hohe Kunst, den Alltag zu beobachten, zu analysieren und in die Spiegel zu schauen. Und es ist eine wichtige Kunst, besteht denn das Leben der Menschen zu 90 Prozent aus Alltag. Also lesen, lesen, lesen.

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Friedrich Ani
M

Ein Tabor-Süden-Roman


Droemer


Manche können Ani nur in der hellen Jahreszeit lesen, er schürft immer am Bodensatz der Existenz, was nicht immer leicht ist. Die Journalistin Mia Liebergesell beauftragt die Detektei, ihren Lebensgefährten zu suchen. Obwohl Süden und seine Kollegen die Klientin äußerst seltsam finden, machen sie ihre Arbeit und stoßen auf Hinweise auf die Neonazi-Szene. Als dann auch noch das LKA auftaucht und mehr zu vertuschen sucht als zur Aufklärung beizutragen, obwohl es wahrscheinlich ist, dass der Gesuchte ein V-Mann war (oder noch ist), ermitteln sie - obwohl sie das Gefühl haben, dass niemand ein Interesse an der Aufklärung hat und sie sich selbst in Gefahr bringen. Zum einen kann man es als spannende Kriminalgeschichte lesen, zum anderen aber wäre es genug, die inneren Kämpfe und Konfrontationen der Ermittler mit ihrer Vergangenheit aufzunehmen. Ani schreibt Bücher mit Sogwirkung, dankenswerterweise schreibt er schnell und oft.

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Phil Rickman
Das Geheimnis des Schmerzes


rororo

 


Pfarrerin Merrily Watkins, in ihrer Diözese mit dem Amt der „Beraterin für spirituelle Grenzfragen“ betraut, ermittelt nicht nur an den Grenzen der Existenz, sondern auch an denen der Realität. In der Gemeinde der Landpfarrerin und „Exorzistin“ wird ein reicher Bauer grausam abgeschlachtet. Eine rechte Bewegung, die sich „Das Land wehrt sich“ nennt, lastet alles der „Überfremdung“ durch osteuropäische Landarbeiter an. Wenig später findet man zwei junge Rumäninnen tot auf einem Parkplatz. Marrily stolpert über den Fall eines Priesterkollegen, der kurz vor seinem rätselhaften Tod ein beunruhigendes Interesse an Exorzismus entwickelte. Sie geht der Sache nach und stößt auf alte, uralte Geschichten, die weit in die Vergangenheit führen, in Zeiten, in denen sich Römer und Kelten in England Schlachten lieferten und der blutige Mithraskult Opfer forderte. Und da ist noch Lol, Lebenspartner und Musiker, und ihre fast – aber eben nur fast – erwachsene Tochter und die ständigen weiblichen(?) Zweifel an ihrer Kompetenz.

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Andreas Hoppert
Bruderherz


Gabriel

 


Zwei ungleiche Brüder: Kain Wellershoff, der Firmennachfolger einerseits, und Abel, der mittellose Künstler andererseits, jahrelang verschollen, jetzt wieder zum Geburtstag seines Vater aufgetaucht – und gleich wieder verschwunden. Kain wird auf Grund von Indizien des Mordes verdächtigt, Abels Leiche fehlt allerdings. Die Anwältin Hanna Simoneit versucht kühl und professionell, Kain mit allen Mitteln rauszuhauen. Aber es will ihr nicht gelingen, auch wenn sie den Journalisten George an und auf ihrer Seite hat. Schließlich sind Gerichtsprozesse dieser Art auch Medienschlachten. Doch die Vorgänge am Geburtstagabend bleiben im Dunkeln, trotzdem die Anwältin viel Geld und mehrere Detektive einsetzt, um den verschwundenen Abel zu finden.

Es bliebe nur ein spannender Krimi, wären da nicht zwei biblische Brüdergeschichten, die sich in den Figuren niederschlagen: Da ist zum einen offensichtlich die Geschichte des Brudermords von Kain an Abel, in der es um Neid und letztlich auch Macht geht. Aber fast noch subtiler ist die Interpretation des Verlorenen Sohns, wobei der Heimkehrer sein Willkommensfest allerdings nicht überlebt – beide biblischen Motive erschließen den Kriminalfall schließlich. Eine spannende theologische Unterhaltung also.

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