LitTipps Archiv – Jugendbücher

Alois Prinz
Bonhoeffer, Wege zur Freiheit

 


Gabriel

 

Der Widerstandskämpfer und Theologe Dietrich Bonhoeffer scheint allen bekannt. Wie und vor allem warum er es wurde, beschreibt Alois Prinz in seiner Biografie, die sich eigentlich an Jugendliche, aber im Grunde an alle Interessierten richtet. Sportlich, verspielt, musikalisch - so ist der aus einer großbürgerlichen Familie stammende Dietrich.

Und er hat Talent: immer der Erste, immer der Beste, immer der Jüngste. Er studiert Theologie um der Theologie willen und lernt erst durch viele Auslandsaufenthalte, wie wichtig Frömmigkeit und das Handeln aus dem Glauben heraus ist. Je älter Dietrich wird, desto mächtiger wird der Nationalsozialismus: Es scheint eine innere Verbindung zwischen der aufkommenden unheilvollen Macht und der Lebensentwicklung Bonhoeffers zu geben: Obwohl er die Ordnung der Dinge als grundlegend für die Welt erachtet, muss er immer radikaler gegen die bestehende Ordnung, Hitlers Politik, angehen.

Er weiß, dass die Nazis ihn auf der Liste haben, aber kehrt er aus dem sicheren London zurück. Als ökumenischem Theologen stand ihm buchstäblich die ganze Welt offen - und dennoch entscheidet er sich für die Rückkehr und gründet das Predigerseminar der Bekennenden Kirche und endet letztlich im KZ.

Der Autor hat ein Auge auf das Große und das Kleine: Es wird die Geschichte Bonhoeffers mit dem großen Theologen Karl Barth ebenso erzählt wie das liebevolle Verhältnis Dietrichs zu seiner konsequenten Großmutter Julie. Eine Lebensgeschichte, die berührt, wütend und traurig macht, nachdenken lässt.

Ein Interview mit dem Autor auf der Buchmesse gibt es hier.

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Stephan Lohse
Ein fauler Gott

 


Suhrkamp

 

Bens Bruder Jonas stirbt mit acht Jahren, plötzlich, zu plötzlich für seine Mutter Ruth. Von hier an wird ein fein gewebter Teppich von Perspektiven der Trauer ausgerollt, angereichert mit den Aromen der 70er Jahre: braunrote Tapeten, Wuppertaler SV, RAF und Ravioli, Daktari und DAF. Ohne zu romantizieren wird die Jugend in dieser Zeit erzählt: auf dem Fußballplatz, in Wäldern, auf Bäumen, in Seen, aber auch die Grausamkeiten dieser Zeit und die Präsenz des Krieges.

Zwei unterschiedliche Formen des Trauerns: Ruth – für sie ist Ben jetzt eine Seele - denkt oft an Selbsttötung, muss aber für den elfjährigen Ben dableiben. Sie leitet nun alle Liebe und Fürsorge auf Ben um - fatal, kann er das aushalten? Sie erschrickt, wie bedingungslos Ben ihr vertraut und ihre tiefe Lebensverunsicherung nicht sieht. Ben hingegen baut seinen toten Bruder in den Alltag ein. Ein neugeborenes Kalb wird nach ihm benannt, Winnetou hilft auch, er schöpft Kraft aus der Freundschaft. Aber Gott bleibt für ihn ein fauler Gott, einer, der sich nicht kümmert. Ruths Leben gleitet langsam den Hang hinab, Ben wird standfester. Am Ende aber droht alles aus den Fugen zu geraten und nur Jonas kann "von oben" helfen.

Lohses Sprache ist wie ein Kaleidoskop: Eine kleine Drehung und der jugendliche Blick Bens ist verschwunden und die traurige Welt Ruths erklingt. Noch eine Bewegung und ein Lehrer spricht, der alte Herr, der Ben in seinem alten Auto empfängt, die französische Familie seines Freundes oder ein Mitschüler aus einem ganz anderen Milieu. Und da wären wir wieder bei dem fein gewebten Teppich.

Hier kann man sich noch eine Meinung bilden, der NDR hat sich dem Buch auch gewidmet und hier kann man den Autor im Interview sehen.

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Ruth Olshan
All die schönen Dinge


Oetinger

 


Die ersten Schritte in Sachen Liebe müssen irgendwie immer mit Drama zu tun haben – im richtigen Leben wie im Mädchenbuch. So auch hier. Allerdings ist hier das Drama bedrohliche Realität. In Tammies Kopf lauert ein Aneurysma, ein Blutgefäß, das plötzlich platzen kann, in ihrem Kopf lauert der Tod. Das lässt Tammie ein wenig verrückt werden, sympathisch verrückt: So streunt sie auf Friedhöfen herum, immer auf der Suche nach dem richtigen Grabspruch. Außerdem ist sie nie um eine Antwort verlegen.

Zwei Menschen begleiten sie: das ist zum ersten Fynn, den Tammie auf dem Friedhof trifft. Eine Liebesgeschichte bahnt sich an, die aber erst Wirklichkeit werden kann, wenn Tammie dem Leben mehr Raum gibt als dem Tod. Und das gelingt Fynn Schritt für Schritt. Die junge Leserin bringt das dazu zu fragen, was wirklich im Leben zählt.

Stark auch die Figur der Freundin Pat: Sie lässt sich von Tammies schräger Art nicht beeindrucken, ist ihr Freundin einer Todkranken und lebt dennoch ihr Leben.

Das Leben zu genießen ist schon für Gesunde schwer. Noch vielschichtiger ist es für Menschen, die vom Tod bedroht sind. Zugleich eine Zumutung und Ermutigung für junge Leserinnen.

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Elisabeth Zöller
Das Monophon


Hanser

 


Mathilda sitzt in ihrem Baum und beobachtet, wie ein monströses Gerät auf den Marktplatz gewuchtet wird. Aus einem Trichter breitet sich eine Melodie aus. Der Bürgermeister sagt: „Dies ist eine Monophon. Es spricht für uns alle und es spricht mit einer Stimme.“ Jemand dreht an der Kurbel und die Musik wird rhythmischer, reißt alle mit, sie tanzen. Dann wird die Musik langsamer, leiser und die Menschen liegen sich in den Armen. Am nächsten Tag sind all die Männer, die das Monophon herbeigetragen haben, in schwarze Hemden gekleidet. Nachbarn sind dabei, nette sogar.

Ein paar Tage später tritt ein Schwarzhemd vor das Mikrophon und fordert alle Sommersprossigen auf, sich am nächsten Tag vor dem Monophon zu versammeln. Es muss etwas Besonderes sein, Sommersprossen zu haben, munkeln die Mitschüler. Am nächsten Tag werden sie alle aus der Stadt geführt. Es folgen die Rothaarigen, die Brillenträger, die Stotterer. Eine Ehre scheint es zu sein, eine Auszeichnung. Das Monophon hat eine große Wirkung: Alle wollen dabei sein, dazugehören. Als Mathilda in der Jugendgruppe der Schwarzhemden genötigt wird, auf einen Pappfeind zu schießen, rennt sie weg.

Man kann die Geschichte als Warnung vor und Erklärung des Faschismus lesen, verständlich und nachvollziehbar für Kinder ab zwölf. Aber es ist auch ein Lehrstück dafür, nicht immer dazugehören zu müssen. Dabei hilft es Mathilda, Gedichte zu schreiben.

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Anke Weber
Regenbogenasche


Ueberreuter

 


Rhinas Vater liegt am falschen Ort begraben – davon ist die 14-Jährige überzeugt. Eigentlich sollte er in Namibia begraben sein, dem Land seiner geheimnisvollen Vergangenheit. Ihr Freund Uncas – den Indianernamen hat er sich selbst gegeben – hilft ihr dabei, die Urne auf dem Friedhof auszugraben. Dann beginnen die Schwierigkeiten aber erst. Die beiden schmieden Pläne und treten einer Hilfsorganisation bei, die sich um AIDS-Waisen in Namibia kümmert. Das soll sie in das Land bringen. Wäre da noch das Problem, wie man die Asche eines Toten dorthin schmuggelt. Gleichzeitig entdeckt Rhina die verschlungene Geschichte ihres Vaters. Sie will sein Leben begreifen und seinen Tod. Und die Sehnsucht ihres Vaters nach Namibia wird zu ihrer eigenen. Bei aller Schwere der Gedanken schafft es Rhina aber, einen guten Teil ihrer jugendlichen Unbefangenheit zu bewahren, zu der auch die behutsam wachsende Liebe zu Uncans gehört. Eine ebenso spannende wie anspruchsvolle Geschichte.

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Andreas Eschbach
Todesengel


Lübbe

 


Der Rentner Erich Sassbeck versucht, den Streit zweier brutal aufeinander einschlagender Jugendlicher zu schlichten. Unvermittelt wird er zum Opfer, schon bereit zu sterben. Da greift eine Lichtgestalt ein und exekutiert die beiden Täter. Die Polizei glaubt Sassbeck nicht. Dem Journalisten Ingo Praise wird aber ein Video zugespielt, das die Unschuld beweist. Ein Unbekannter streift durch die Stadt und Praise glorifiziert den Todesengel zum Superhelden. In seiner Sendung kommen die Opfer und manche politisch unkorrekte Stammtischäußerung zu Wort. Der Journalist verstrickt sich mehr und mehr in die Geschichte. Wird mit den Tätern gnädiger umgegangen als mit den Opfern. Sind die Täter wirklich Opfer ihrer eigenen Geschichte? Andreas Eschbach besitzt die Fähigkeit, brisante gesellschaftliche Themen aufzugreifen, eingehend zu recherchieren und daraus sprachliche Hochspannung zu gestalten.

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Jostein Gaarder
2084

Noras Welt


Hanser


Wenn etwas die Realität verändern kann, dann sind es Träume. Diese Botschaft vermittelt Jostein Gaarder mit der Geschichte der 16-jährigen Nora, die zu ihrem Geburtstag einen wundersamen Ring erhält. Ohnehin ist sie mit einer fantastischen Eigenschaft ausgestattet: Ihre Träumen haben eine unheimliche Realität, sie wirken in ihr reales Leben hinein. Hier schlüpft sie jede Nacht in die Rolle ihrer Enkeltochter Nova, die im Jahr 2084 lebt, ebenfalls 16 Jahre alt. Sie lebt in einer Welt, die von der absehbaren Klimakatastrophe geschlagen ist: Im Minutentakt wird das Aussterben eine Art gemeldet, der Süden ist unbewohnbar, Klimaflüchtlinge aus der arabischen Welt durchqueren auf Dromedaren Norwegen. Ihr arabischer Freund sagt: „Mein Ururgroßvater ist mit Dromedaren gereist, mein Urgroßvater ist im Mercedes gefahren, und mein Großvater ist im Jumbojet um die Welt geflogen – und jetzt reisen wir wieder mit Dromedaren.“ Nova stellt ihre Urgroßmutter zur Rede: „Ich will in eine genauso herrlichen Welt leben wie du, als du so alt warst wie ich. Und weißt du warum? Weil du mir das schuldig bist!“ Und das versetzt Nora in der Gegenwart in Bewegung, sie ist fest entschlossen, der Welt von Nova eine neue Chance zu geben, indem sie etwas verändert. Die traumhaft realistische Geschichte für eine bessere Welt leidet nur etwas unter den etwas langatmigen informativen Einschüben, die aber wiederum im Unterricht gut einsetzbar sind.

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Salah Naoura
Star


Beltz & Gelberg



Das Buch spielt im Jahr 2050 und erzählt von einem aus ärmeren Verhältnissen kommenden 13-jährigen Jungen, der durch Zufall ein Star wird. Marko hört zufällig, wer wahrscheinlich der Gewinner des Pferderennens werden wird, gibt die drei Gewinner am Wettstand an und so wird er berühmt. Er wird nicht nur als Hellseher berühmt. Auch Helena, seine große Liebe, mag ihn auf einmal. Marko wird in die Show „Little Star“ eingeladen und kommt ins Finale. Doch auf einmal läuft alles schief und Marko bekommt immer mehr Probleme. Er löst sie schließlich mit Hilfe seines Freundes und Managers Greg. Noch dazu ist Marko auf der Suche nach seinem kurz nach seiner Geburt verschollenen Vater, über den Markos Mutter nie sprach: Viele melden sich, aber keiner ist der richtige. Er sucht Zuflucht bei seiner Tante, die ihn beruhigt, indem sie viel erzählt und alten Fotos zeigt. Das Buch ist in teils gewöhnungsbedürftiger jugendlicher Sprache geschrieben, hat aber einen eingängigen und spannenden Plot.

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Paola Zannoner
Ausgewechselt


Boje

 


Leo ist 15 Jahre und spielt Fußball, mehr noch, er brennt für Fußball. Gegenüber seinen Mitmenschen ist er eher gleichgültig. Auf dem Weg nach Hause überschlägt er sich mit seinem Roller – Diagnose Querschnittslähmung. Sieben Schritte, Sprung, das ist Viola, Hürdenläuferin im Leistungssport. Ihre Familie hat einen Unfall – der Vater ist ausgebrochen. Ihre Mutter lässt sich hängen und macht Viola zum Familienoberhaupt. Diagnose nicht leicht zu stellen. Der Weg zurück ins Leben verläuft für beide parallel, ist aber zuerst kein gemeinsamer. Leo, jetzt im Rollstuhl, wehrt sich mit Händen und Füßen gegen den „Behindertensport“. Er will nicht Basketball spielen, ein Ball muss mit den Füßen bewegt werden. Es ist eine Geschichte ohne Beschönigung, das positive Ende kommt nicht von selbst daher. Die Geschichte wird nicht leicht erzählt, und vielleicht ist das der Grund, warum sie in Italien in die Schullektüre aufgenommen worden ist.

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Louis Jensen
33 Cent, um ein Leben zu retten


Hanser



33 Cent täglich, mehr ist nicht nötig, um das Leben eines afrikanischen Kindes zu retten. Der Erzähler dieser Geschichte erfährt das in der Schule und handelt: Er geht nur noch jeden zweiten Tag in die Schule und jobbt stattdessen im Supermarkt. Den Verdienst überweist er von der Sparkasse aus nach Afrika. Doch das ist ihm nicht genug. Warum sollte man den Reichen, also uns, nicht ein wenig vom Reichtum nehmen und Gutes tun? Er stiehlt nun das ein oder andere teure Stück aus den Läden und bringt es zu einem Hehler. Nun gerät er in Konflikt mit dem Gesetz und seinem Vater – in einer Person, denn er ist Richter. Recht trifft auf Gerechtigkeit. In seiner kleinen, mit bunten Legosteinen spielenden Schwester Sara begegnet ihm die Unschuld des Unwissens, aus der er herausgetreten ist. Auch mit Jesus und dem Pfarrer rechtet er: Achtes Gebot oder Nächstenliebe? Wenn das Leben nach dem Tod mehr wert ist als alles andere, was ist denn dieses Leben wert? Wenn es nach zwei Jahren vom Hunger beendet wird? Und dann ist da noch Anne, die mutige Anne, in die er sich verliebt, aber sprachlos bleibt. Aber Anne ist mutig, geht auf ihn zu, geht mit ihm, auch wenn seine Pläne immer wilder werden. Immer konsequenter verfolgt er sein Ziel, mit einem Kühllaster voller Lebensmittel bricht er zusammen mit Anne nach Afrika auf. Unter der klaren Sprache wird das Grollen der unlösbaren Frage der Gerechtigkeit immer lauter, um am Ende zu explodieren.

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Meike Blatzheim, Beatrice Wallis
Jetzt tu ich was

Von der Lust, die Welt zu verändern


Beltz


Jetzt tu ich was – aber was? Vor der Frage stehen immer mehr Jugendliche. Die Freiwilligendienste scheinen zu boomen – oft ist es nicht leicht, einen FSJ-Platz zu bekommen. Hilfreich ist dieses Buch – nicht, weil hier vermittelt und gemakelt wird, sondern weil sich der Horizont öffnet. 30 Menschen von 8 bis 74 berichten von ihrem Engagement, teils nüchtern (oft ernüchternd), teils begeistert. Von Impulsen wird berichtet, von Glücksmomenten, vom Durchhalten und vom Begeistertsein, manchmal von Enttäuschungen. Aber immer erzählt es von Menschen im Aufbruch, von denen, die sich nicht mit den Verhältnissen arrangieren wollen, die eine Vision haben. Die 30 Geschichten weiten den Blick, geben Ideen und zeigen, dass der Eigensinn nicht überall regiert. Ein gutes Buch für die Schulbücherei.

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