LitTipps


Ein Book-Review der etwas anderen Art


Ticker

+++ Ein Papst als Ermittler? Das hört sich nach fröhlicher Urlaubslektüre an. Papst Petrus muss wieder ran, denn seine Pressesprecherin Contessa Giulia soll das beträchtliche Familienvermögen erben. Die Bedingung: sie muss heiraten. Kurz darauf liegt sie bewusstlos im Pool, umringt von der lieben Familie. Nun ist sie nicht davon abzubringen, den Täter zustellen. „Jubilate“ von Johanna Alba und Jan Chorin (rororo) ist eine kleine, wunderbare Geschichte, die nach Italien riecht. +++ „Nicht heulen, sondern handeln“ - das ist eine freundliche Provokation des katholischen Publizisten und Kommunikationsberaters Erik Flügge (Kösel). Gottesdienst abschaffen, Bibel weiterschreiben, einen „Propheten“ wählen - das klingt unrealistisch, legt aber den Finger in evangelische Wunden. Durchaus diskussionswürdig. +++

Die LitTipps wollen nicht nur über die neueste religionspädagogische Literatur informieren, vielmehr wollen die LitTipps die Lehrkräfte im Fach Religion, die Lust am Lesen haben, von ganz verschiedenen Seiten her inspirieren: Von der Fachliteratur bis zum Krimi, vom Hörbuch bis zum Computerspiel – einfach ohne Begrenzungen und gnadenlos subjektiv, auch nicht dem Götzen der Aktualität verpflichtet.

LitTipps ist ein Service von Dr. Volker Dettmar, Schulpfarrer der EKHN, Journalist und Autor, Vater dreier Kinder. Seine Leidenschaften: Computer, Kochen, Fotografieren, notorische Neugier, Himmel über dem Kopf und natürlich Lesen. Die LitTipps gibt es als eine ständige Rubrik in den RPI-Impulsen. Die Online-Version bietet gegenüber der Printausgabe den ein oder anderen Hinweis oder Link.

Archiv


Hier finden Sie LitTipps aus früheren Ausgaben der RPI-Impulse.

Aktuelle LitTipps



Ian McEwan
Maschinen wie ich

 


Diogenes
 

Es ist ein furioses Buch, das einen von der ersten Seite an in sich hineinzieht: Der Lebenskünstler Charlie kauft sich vom Erbe einer entfernten Tante einen der ersten lebensechten Androiden. Adam scheint aus Fleisch und Blut zu sein, ein richtiger Mann, obwohl im Inneren doch nur Schaltkreise sein Handeln bestimmen. Nachts muss er wie ein Handy an die Strippe zum Aufladen und verfällt in eine Art Starre. Außerdem hat er im Nacken einen Knopf, der ihn augenblicklich abschaltet. Vorsichtig nimmt er ihn mit auf erste Ausflüge durch London, aber niemanden, auch dem vertrauten Zeitungshändler, fällt etwas auf. Adam hat ein sicheres, menschliches Auftreten.

Charlie ist frisch verliebt, Miranda wohnt über ihm. Adam, der unmittelbaren Zugang zu allen Informationen des Netzes hat, stößt eine Warnung aus: Es bestünde die Wahrscheinlichkeit, dass Miranda eine systematische, böswillige Lügnerin sei. Charly drückt auf den Knopf.

Um Miranda zu binden, beteiligt er sie an der "Erziehung" von Adam. Sein Charakter muss sich noch entwickeln, denn er hat keine Kindheitserinnerungen, keine Vergangenheit. Mit Hilfe Charlies und Mirandas Vorgaben entwickelt er eine Persönlichkeit.

Bald aber beginnt Adam, ein eigenes Leben zu führen - und das ist ja auch gewollt. Was Charlie aber nicht wollte ist, dass Adam mit Miranda Sex hat. Die zeigt sich aber von Charlys Eifersucht unbeeindruckt, man könne doch nicht mit einer Maschine fremdgehen. Haben Androiden Gefühle?

Miranda selbst ist ein eigenwilliger Charakter - vorsichtig ausgedrückt. Noch dazu bedroht sie ein Strafgefangener damit, sie nach seiner Entlassung umzubringen. Die Geschichte, die sie mit sich herumträgt, ist von einer unglaublich existentiellen Tiefe. Und nun ist es an Adam, dafür eine Lösung zu finden.

Es ist ein Buch voller ethischer und theologischer Dilemmata, mit denen ich meine Schüler*innen demnächst konfrontieren werde - was hat der Mensch dem Computer noch voraus?

Die religionspädagogische Zeitschrift BRU, die sich an Lehrkräfte an den beruflichen Schulen wendet, hat ihre neueste Ausgabe dem Thema gewidmet und auch McEwan in die Materialien zum Unterricht aufgenommen. Die SZ - wie auch alle großen Tageszeitungen - haben Rezensionen veröffentlicht. Und wer’s lieber als Video mag, dem seien die ersten 18 Minuten des Literaturclubs des SRF anempfohlen.

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Liane Bednarz
Die Angstprediger

Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern


Droemer

Es sammeln sich Christen am rechten Rand im Dunstkreis der AfD, die eine Identität von Religion, Kultur, Nation, Regierung und Volk anstreben. Bei der Autorin löst das ernste Sorgen aus. Akribisch und ohne Schaum vor dem Mund sammelt sie Hinweise, beobachtet und systematisiert Auftreten und Aussagen rechter Christen - katholisch wie evangelisch.

Wo immer sie auch herkommen, ob aus dem „Arbeitskreis Christen in der AfD“, ob aus dem Rechtskatholizismus oder aus dem Bereich der Evangelikalen, sie sind fixiert auf drei Themenkreise: Sexualität, Islam und Verachtung der Moderne. Sie kämpfen gegen eine vermeintliche Homosexualisierung der Gesellschaft und den „Genderwahn“, sie beschwören einen „Genozid“ der Deutschen durch den Islam, „Zeitgeist“ und „politische Korrektheit“ sind ihnen ein Gräuel.

„Salz der Erde“ - diese biblische Aufforderung deuten sie als Widerstand gegen die Moderne mit all ihren Zumutungen. Bednarz zeigt einen Rechtskonservatismus auf, dem es an Solidarität mit dem Fremden, Gestrauchelten oder irgendwie Andersartigen fehlt. Mehr noch: diese rechten Christen behaupten, dass die Völker ein Gedanke Gottes seien.

Wer dieses Buch liest, wird die rechten Christen nicht unterschätzen. Diesen Eindruck kann man aber von Teilen der Volkskirche haben: Zwar wenden sie sich mit deutlichen Worten gegen den Rechtpopulismus. Aber die energische Debatte mit den Evangelikalen, die sich ihrerseits oft nicht klar gegen die rechten Christen abgrenzen, ist innerkirchlich nicht sehr ausgeprägt. Absolut lesenswert! Der Deutschlandfunk hat sich ausführlich damit beschäftigt und im taz-Studio auf der Leipziger Buchmesse erzählt die Autorin sehr eingehend über ihr Buch.

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Regina Scheer
Gott wohnt im Wedding

 


Penguin
 

Wer fast 130 Jahre auf dem Buckel hat, kann was erzählen: von der Weimarer Zeit, von den jüdischen Bewohnern, vom Widerstand gegen die Nazis im „roten Wedding“ in Berlin. Ein altes Haus hat halt viel zu erzählen. Jetzt sind es Roma, die wie Herbstlaub in Berlin - auch zu DDR-Zeiten - herumgeweht wurden und nun diesem Haus, das alt und klapprig geworden ist, eine besondere Art von Leben einhauchen.

Ganz oben wohnt Getrud, fast so alt wie das Haus, fast 100. Sie lebt seit ihrer Jugend hier, hat alles gesehen, gehört, gerochen. Leo Lehmann ist mit seiner Enkelin Nira aus Israel gekommen. Damals in den dunklen Zeiten, wurde ein im Straßengerangel umgekommener Hitlerjunge von den Nazis zum Märtyrer im Kampf gegen die Juden gemacht. Manfred, Leos Freund, wurde von den Nazis in der Wohnung von Gertrud deswegen verhaftet. Eigentlich will der Israeli nicht mehr an diese Geschichte heran, aber Laila, eine Roma, die mit großem Mitgefühl für die Hausbewohner da ist, bewegt ihn dazu. Sie ist es auch, die die 70 Jahre zwischen Leo und Getrud zusammenbindet. Überhaupt verbinden und kreuzen sich die Lebenslinien der Menschen in diesem Haus, alte Geschichten werden erzählt und helfen, die Gegenwart zu verstehen. So kann sich auch Gott am Schluss wieder im Wedding ansiedeln.

Sprachlich ist das Buch eine Wohltat, nicht zu leicht, nicht zu schwer, angemessen, einladend - man meint, den Geruch des Treppenhauses wahrzunehmen. Die taz beschreibt das Buch als eine recht scharf gestellte historische Sozialtopografie, kürzer fasst sich die Literaturwerkstatt.

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Andreas Eschbach
NSA

 


Lübbe

 

Was wäre, wenn … Hitler schon über die Computertechnologie unserer Zeit verfügt hätte? Ein literarischer Kunstgriff, der aber auch gewaltig in die Hose gehen kann. Tut er aber nicht. Eschbach führt in eine Zeit, in der die digitale Technik schon seit der Kaiserzeit eingesetzt wurde. Das Nationale Sicherheits-Amt (NSA) führt noch eine Randexistenz, überwacht die Elektrobriefe, kann jeden Kontostand abrufen, liest jede Diskussion im Deutschen Forum mit, ortet Telephone. Aber das Reichssicherheitshauptamt unter Himmler will prüfen, ob man das nicht selbst besser könne. Die Programmstrickerin Helene Bodenkamp muss ihm an ihrem Komputer vorführen, zu was das NSA in der Lage ist. Himmler will versteckte Juden aufspüren lassen und so verknüpft Helene geschickt verschiedene Tabellen. Wenige Minuten später wird eine gewisse Familie Frank in Amsterdam verhaftet.

Helenes Vorgesetzter Eugen Lettke verfolgt mit den Datenabfragen einen privaten Rachefeldzug. Er spürt alle Klassenkameradinnen aus seiner Schulzeit auf, die ihn gedemütigt haben. Helene ihrerseits versteckt auf einem Bauernhof einer Freundin einen Deserteur von der Ostfront, in den sie sich heimlich verliebt. Ihre Eltern wollen sie aber unter die Haube bringen, ausgerechnet mit einem hochrangigen Nazi namens Ludolf von Argensleben.

Eschbach gelingt es auf einzigartige Weise, technische Zusammenhänge und Möglichkeiten so zu erklären, dass sie einem wie selbstverständlich erscheinen - selbst wenn man von den digitalen Technologien überhaupt keine Ahnung hat.

Die erschreckende Seite an diesem Buch ist, dass man sich kaum ausmalen mag, was diese Technik in den Händen von despotischen Staaten anzurichten in der Lage ist. George Orwells „1984“ ist eine Kindergarten-Fantasie dagegen, betrachtet man sich z.B. die Entwicklungen in China. So macht man sich beim Lesen ständig Gedanken darüber, wie dieses Buch wohl ausgehen wird. 700 Seiten, die sich wie Butter lesen. Voll des Lobes ist auch der Bücherpapst der ARD Denis Scheck im Video

https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/videos/andreas-eschbach-nsa-video-100.html

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Johan Hinrich Claussen
Das Buch der Flucht

Die Bibel in 40 Stationen


C.H. Beck

 

Ein Buch von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Das klingt schräg. Noch schräger wird es, wenn man erkennt, worum es geht: die Bibel. Claussen, Kulturbeauftragter der EKD, packt einen hellen Scheinwerfer aus, beleuchtet 40 grundlegende Geschichten der Bibel und stellt dabei fest, dass diese Erzählungen nicht von Heimat, Sesshaftigkeit und Gewohnheit, sondern von Heimatverlust und Heimatsuche, von Vertreibung, Flucht, Nomadentum, Exil, Diaspora und Wanderung berichten: Die Vertreibung aus dem Paradies, der Auszug aus Ägypten, die Klageliedern der Juden im Exil, die Flucht Josefs mit Maria und Jesus nach Ägypten. Die Theologie des Paulus sieht der Autor als eine Geburt aus Heimatlosigkeit an. „Alles ist weg!“ das ist die existentielle Erfahrung der Jünger nach Jesu Tod. Claussen geht noch einen Schritt weiter. Er sieht in Vertreibung und Verlust der Heimat die Geburtsstunde des Monotheismus: der Glaube an zahlreiche lokale Gottheiten ist ein Glaube von Beheimateten, der Glaube an den einen Gott ist ein Glaube des Exils.

Erklärende Passagen wechseln sich mit Bibeltexten ab, die man wie zum ersten Mal liest, kopfschüttelnd, dass man das so noch nie gesehen hat. Die Einordnungen sind auf dem Stand der theologischen Wissenschaft, rund geschrieben und verständlich, dennoch pointiert und klar - wie eine neue Brille auf müde gewordenen Augen. Das Wichtigste aber: Diese Lesart der Bibel wirkt in die Gegenwart hinein. Alles weitere hier:

https://www.deutschlandfunk.de/die-bibel-als-buch-der-flucht-ueber-grenzen-hinausdenken.886.de.html?dram:article_id=433879

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Carsten Schmidt
Ausgekafkat

 


Drava

 

Die gescheiterte Geisteswissenschaftlerin Tabea Thuleweit schlägt den Literaturprofessor Gothial scheinbar ohne Grund mit einem dicken Buch nieder. Es hat sich ausgekafkat! Da der sich schwer verletzt, landet sie im Gefängnis. Nun werden die Geschichten dahinter aufgedröselt, am Anfang etwas unübersichtlich, zum Ende webt sich alles zu einem Bild: Tabeas Bruder erahnt als Arzt in Afghanistan die Sinnlosigkeit seines Tuns, ihr gescheiterter Vater taucht in Rückblenden auf - eine scheinbar unbeschwerte Kindheit in der DDR. Er hatte seine Tochter auf dem Sterbebett zum Germanistik-Studium verpflichtet. Aber auch im - mittelhessischen - Gefängnis gibt es Menschen, deren Lebensgeschichte verstehen hilft, warum es zu so einer Tat kommen kann. Die Bibliothekarin im Knast führt ein Doppelleben als Prostituierte, die Mitgefangene Billie wollte eigentlich ein politisches Zeichen setzen. Schlüsselszenen sind die Sitzungen bei der Gefängnispsychologin. „Wer braucht so einen Dreck wie mein Wissen?“ fragt sich Tabea. Haben alle auf falsche Ziele gesetzt?

Dieser Roman zeigt die Arroganz der akademischen Welt ebenso wie die ignorante Haltung vieler Nicht-Akademiker.

Carsten Schmidt hinterfragt kritisch, ob eine bestimmte Form von Bildung und Kultur heute noch lebensfähig ist. Seine Figuren verhandeln das miteinander, ohne darüber zu reden - Subtext sozusagen. Dabei wird er aber nicht klischeehaft, beschreibt seine oft kauzigen Protagonist*innen warmherzig und einzigartig. Dazu passt, dass das Buch doch schlussendlich ein versöhnliches Ende findet. Mehr hier:

https://www.feuilletonscout.com/ausgekafkat-der-debuetroman-von-carsten-schmidt-fuehrt-uns-in-die-denkwelt-der-geisteswissenschaftler/

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Volker Jung
Digital Mensch bleiben

 


claudius

Es gibt wahrlich genug kluge Menschen die Bücher über die digitalen Technologien, das Internet und seine Gefahren, die überhandnehmende Kommunikation, über künstliche Intelligenz und die Maschinen der Zukunft geschrieben haben. Warum muss da ein Kirchenmann, noch dazu einer, der sich als zwar aufgeschlossen interessiert, aber doch eben nicht als Spezialist bezeichnet, noch einen draufsetzen?

"Sei nicht böse!", so lautet das Motto von Google. Das schreit förmlich nach einem Theologen. Das Netz und die digitalen Technologien sind voll von Heilsversprechen. Yuval Noah Harari hat sie in seinem Buch „Homo Deus“ (siehe impulse 1/18) alle beschrieben und Volker Jung bezieht sich darauf: Die Menschheit ist dabei, wesentliche Fragen zu lösen und alte Sehnsüchte zu erfüllen: alle Menschen werden glücklich und der Tod wird besiegt. Die Menschen mutieren zu (den alten griechischen) Göttern und entwickeln übermenschliche Fähigkeiten. Lebewesen formen, Körper verändern, Wetter steuern, Gedanken lesen und aus der Ferne kommunizieren, der homo sapiens wird zum homo deus. Die neue Religion heißt "Dataismus", der Glaube daran ist, dass ALLES als Datenstrom beschrieben werden kann. Dem hält Jung die alten Texte entgegen: Der Mensch ist Geschöpf und nicht Schöpfer, er ist verführbar, weil ihm die Kraft verliehen wurde, die Welt zu gestalten, und Würde und Wert liegt gerade in seinen Grenzen und Begrenzungen.

Es ist ein nützliches Buch für alle Unterrichtenden, die erkennen, dass die digitale Welt in den RU gehört, weil ein kritischer Umgang mit digitalen Technologien zu lebenswertem Leben befähigt. Es ist eine lesbare Handreichung, die die gegenwärtige Diskussion zusammenfasst und einen theologischen Ansatz bietet, ohne euphorisch oder apokalyptisch zu reagieren.

Der Deutschlandfunk hat ein langes Interview gesendet, hier zu hören.

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Burkhard Hofmann
Und Gott schuf die Angst

Ein Psychogramm der arabischen Seele


Droemer

 

„Das Paradies liegt zu Füßen der Mutter.“ Dieser Satz aus der Überlieferung der Sprüche des Propheten Mohammed klingt zuerst wie eine Wertschätzung und Hommage. Erst auf den zweiten Blick eröffnet sich die Abgründigkeit, die in diesem Spruch liegt. In der arabisch-muslimischen Kultur wird die Mutter unendlich respektiert, verehrt und gefürchtet. Sie ist die Torwächterin des Paradieses: Sagt sie nein, ist der Zugang verwehrt.

Der Hamburger Psychotherapeut Hofmann hat in den arabischen Ländern am Persischen Golf gearbeitet und die fatalen Folgen solcher und anderer religiöser Interpretationen registriert. Diese Bindung an die Mutter ist für den Gläubigen nicht zu lösen, die Abhängigkeit kann ein ganzes Leben bestehen. Dabei ist doch ein realistisches Bild der Eltern eine Voraussetzung für ein angstfreies Leben.

In der gegenwärtigen Stimmungslage ist das Buch ein riskantes Unternehmen. Die drohenden Abgründe sind nah und steil: Die Lebensfeindlichkeit einer religiösen und kulturellen Tradition zu benennen, kann schnell Applaus aus der falschen Ecke ertönen lassen. Dem begegnet Hofmann mit präzisen Fallgeschichten. Z.B. die von Omar, der an einem depressiven Vermeidungsverhalten litt und sich der salafistischen Ideologie zuwandte. Ein auslösender Grund dafür sei der religiös-rigide Vater, der ihn in die Moschee einführte und ihm das Beten beibrachte. „Dabei sind aber die Augen nicht aufeinander gerichtet, sondern parallel ins Nichts auf Allah.“ Die Gottesvorstellung ersetzte die konkrete Erfahrung der Intimität zwischen Vater und Sohn.

Die Vielzahl solcher Lebensgeschichten und die einsichtige Beschreibung der psychischen Störungen machen dieses Buch zu einem hochinteressanten Diskussionsbeitrag zur arabisch-muslimischen Gestimmtheit, die einem auch in Schule und Seelsorge begegnet.

Eine differenziert-kritische Würdigung des Buches samt Interview-Video mit dem Autor findet man auf der ohnehin interessanten Seite qantara.de, einem Projekt der Deutschen Welle mit dem Ziel „Dialog mit der islamischen Welt“.

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