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Ein Book-Review der etwas anderen Art


Die LitTipps wollen nicht nur über die neueste religionspädagogische Literatur informieren, vielmehr wollen die LitTipps die Lehrkräfte im Fach Religion, die Lust am Lesen haben, von ganz verschiedenen Seiten her inspirieren: Von der Fachliteratur bis zum Krimi, vom Hörbuch bis zum Computerspiel – einfach ohne Begrenzungen und gnadenlos subjektiv, auch nicht dem Götzen der Aktualität verpflichtet.

LitTipps ist ein Service von Dr. Volker Dettmar, Schulpfarrer der EKHN, Journalist und Autor, Vater dreier Kinder. Seine Leidenschaften: Computer, Kochen, Fotografieren, notorische Neugier, Himmel über dem Kopf und natürlich Lesen. Die LitTipps gibt es als eine ständige Rubrik in den RPI-Impulsen. Die Online-Version bietet gegenüber der Printausgabe den ein oder anderen Hinweis oder Link.

Archiv


Hier finden Sie LitTipps aus früheren Ausgaben der RPI-Impulse.

Aktuelle LitTipps


Iwan Turgenjew
Väter und Söhne

 


dtv

 

Ich habe so meine Schwierigkeiten mit klassischer Literatur, aber dieses 150 Jahre alte Buch hält einen in Atem. Es ist die Geschichte zweier Freunde, die im Russland des 19. Jahrhunderts, einer Zeit der großen Umbrüche, der Zeitenwende, gemeinsam ihre Väter besuchen. Basarow, Medizinstudent und Nihilist aus St. Petersburg, ist der radikalere der beiden: Wozu noch an alten Werten und Idealen festhalten - weg damit! Turgenjew hat den Begriffs des Nihilismus mit diesem Buch populär gemacht, eine Haltung, die die Möglichkeit verneint, objektiv Welt und Gesellschaft, Werte und Erkenntnis zu beschreiben.

Sein Freund Arkadi, ebenfalls Teil der radikal-liberalen Jugendbewegung ist da vorsichtiger, ängstlicher: Gelten die alten Wahrheiten der Väter noch? Die Leibeigenschaft war gerade abgeschafft worden, Arkadis und Basarows Väter sind Gutsbesitzer, bewegen sich ganz langsam in die neue Zeit. Die Liberalen aber setzen auf Konfrontation und Kollision.

Dann verlieben sich die jungen Männer noch in die gleiche Frau, eine starke Person in diesem Buch. Anna ist die Gegenfigur zu Basarow, an vielem interessiert, von wenigem befriedigt. Für ihn ist das die Probe aufs Exempel: Kann man sich als Nihilist überhaupt verlieben?

Das Buch löste beim Erscheinen ein wahres Erdbeben aus, leidenschaftliche literarische und politische Debatten, und man kann es gut in der heutigen Zeit lesen, in Zeiten der digitalen Revolution und Globalisierung, der Digital Natives und Digital Immigrants.

Der Deutschlandfunk findet es auch gut, dass hier eine Neuübersetzung eintstanden ist.

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Klaas Huizing
Schluss mit Sünde!

 


Kreuz-Verlag

 

Die Wissensgeschichte ist, so der Würzburger Schriftsteller und Theologe Klaas Huizing, eine Wellenbewegung von Wucherung und Verdichtung. Reduktionskünstler nennt er solche Denker, die das Wissen immer wieder konzentrieren. Die Reformationsgeschichte ist eine solche Verschlankung und Luther der Künstler. Aber Huizing hinterfragt das „sündenverbiesterte“ Menschenbild des Reformators, schlicht weil die meisten Menschen heute nicht von Höllenängsten herumgeworfen werden, sondern wissen wollen, wie Leben gelingen kann.

Er zeigt weiter, dass die Sünden-Theologie des Jahrhundert-Theologen Karl Barth ein gigantischer Emanzipations- und Autonomiehemmer war. An der Kain-und-Abel-Geschichte verdeutlicht er eine andere Lesart: Es geht nicht um Sünde, sondern um Scham, Kain schämt sich zu Tode, verliert sein Gesicht. Und diese Scham kippt um in Gewalt. Schuld könnte mit Strafe abgetragen werden, Scham aber verlangt nach einer Neujustierung des Charakters. Hier kommt Gott ins Spiel: Er will als "Weisheitslehrer" einen Ausweg weisen. Und Jesus Christus ist die Personifizierung dieser Weisheit. Weisheit statt Heil lautet das Programm einer Erziehung zur Mündigkeit.

Dann testet Huizing diese neue Form evangelischer Freiheit vor dem Hintergrund unserer neoliberalen Gesellschaft, die unbegrenzte Optionen für Optimierungen und Glücksversprechen anbietet. Das Leben kann in der Endlichkeit gelingen, sofern man nicht verlangt, dass es zu jedem Zeitpunkt „aus einem Guss“ besteht.

Eine kluge Abrechnung mit der Sündenverbiestertheit der Theologie. Und vor allem: Der Autor versteht es, Großes in kleine Bücher zu packen.

Hier kommt der Autor noch einmal selbst zu Wort und bekommt ordentlich Gegenwind.

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Erling Kagge
Stille - ein Wegweiser

 


Insel

 

Dieses Buch ist kein Ratgeber, sondern - wie der Untertitel sagt - ein Wegweiser. Es ist keine Anleitung zur Achtsamkeit, zur Meditation, zu Zen und Yoga, kein Bericht aus dem Kloster. „Wegweiser“ ist ein treffendes Wort, hat der Norweger doch 1992 ganz allein die Antarktis durchschritten. Er machte dort die Erfahrung, dass er zwar gut vorankam, er aber eigentlich immer mehr in sich selbst reiste. Und auch die Umwelt veränderte sich: was vorher weiß und flach zu sein schien, differenzierte sich in Farben und Formen des Schnees. Man muss dazu nicht an den Südpol - jeder der einmal allein eine lange Wanderung unternommen hat, weiß das.

32 kurze Antworten gibt Kagge auf die Frage, wo man im Alltag die Stille finden kann. Das kostet zuerst einmal Zeit und Energie, macht schlechte Laune. Wir versuchen Stille zu vermeiden, mit Geschäftigkeit, mit dem Smartphone, mit Geplapper. Schon im 17. Jahrhundert schrieb Blaise Pascal, dass die Schmerzen, allein zu sein, kaum auszuhalten seien. Vielleicht spricht aus dieser Erfahrung auch die Wertschätzung der Stille durch das Christentum: Gott zeigt sich nicht im Gewitter oder Sturm, sondern im Säuseln des Windes, Jesus zieht sich in die Wüste zurück, bevor er die Welt verändert.

Kagges Ideal von Stille ist sehr schlicht: einfach eine Weile ruhig im Raum sitzen. Aber auch Tätigkeiten schaffen Stille im Inneren: Holzhacken, stricken, ein Instrument spielen oder sogar abspülen. Stille ist für Kagge keine Fähigkeit, die man erst nach jahrelangem Üben erlangt und dann eigentlich Spezialisten vorbehalten bleibt, sondern etwas Alltägliches.

Und genau darauf weist das Buch hin: Schau hier hin und dahin, dort in deinem Alltag kannst du Stille finden. Und so ist das Buch auch geschrieben: einfach, aber eindringlich.

Der SPIEGEL hat den Autor interviewt - lesenswert!

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Fechtner, Hermelink, Kumlehn, Wagner-Rau
Praktische Theologie

Ein Lehrbuch


Kohlhammer

 

Seit fast 20 Jahren geht mal wieder ein Lehrbuch der Praktischen Theologie an den Start – wurde auch Zeit! Erfreulich: mit 290 Seiten braucht man keinen Waffenschein dafür, kompakt, gut strukturiert und lesbar kommt es daher.

Aber warum sollte ich mir ein Lehrbuch kaufen? Das brauchte ich zur Examensvorbereitung und jetzt habe ich 10, 20 Jahre Praxis auf dem Buckel. Vielleicht gerade deswegen. Die Praktische Theologie versteht sich als Nachdenken über religiöses Handeln und das ist beim Lesen gut nachzuvollziehen.

Zuerst in den Querschnittsartikeln: Reflexion christlicher Religionspraxis, Christentum und moderne Gesellschaft, Religion und Gegenwartskultur und Religion und Individuum. Hier merkt man die Konzeption als Lehrbuch, denn diese Gebiete theologischen Nachdenkens sind nicht Darstellungen abwegiger Einzelmeinungen, sondern Gegenwartstheologie, allerdings zugespitzt und pfiffig, sensibel für kulturelle Veränderungen.

Es folgen die klassischen Handlungsfelder Kasualien, Kirchentheorie, Seelsorge, Pastoraltheologie, Liturgik und Homiletik. Die Religionspädagogik weist etwas Bemerkenswertes auf: Hier wird nicht mehr getrennt nach der Gemeindepädagogik und der Schulpädagogik – eine Ermutigung aller, die in der Schule arbeiten, und ein ekklesiologischer Fingerzeig.

Zu den klassischen Lebensäußerungen von Kirche und Religion treten Frömmigkeit/Spiritualität, Publizistik und Diakonik hinzu - eine notwendige und zugleich theologisch mutige Entscheidung aus der Wahrnehmung gegenwärtiger Religion heraus.

Fazit: Am Ende kommt man theologisch runderneuert, nach hinten versichert und nach vorne mit neuen Ideen versorgt aus dem Buch.

Hier kann man in das Inhaltsverzeichnis schauen, aber mindestens ebenso wichtig sind Sprache und Stil. Also mal ins erste Kapitel reinlesen.

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Hans-Werner Wahl
Die neue Psychologie des Alterns

 


Kösel

 

Der renommierte Altersforscher wartet mit „überraschenden Erkenntnissen über unsere längste Lebensphase“ – so der Untertitel – auf. Gar nicht überraschend ist der Spruch „Man ist so alt, wie man sich fühlt“, den ich immer mit einem inneren Stöhnen gehört habe. Neu ist allerdings, dass diese Binse wissenschaftlich belegbar ist. Menschen mit einem positiven Verhältnis zum Altern werden im Schnitt 7,3 Jahre älter. Da lohnt es sich doch, die Nase in ein Mut machendes Buch zu stecken.

Alten Menschen – so die Forschung – steht ein gut gefüllter Werkzeugkasten zur Verfügung, um mit Widrigkeiten und Anforderungen zurechtzukommen. Arthur Rubinstein z.B. glich seine träger gewordenen Finger beim Klavierspiel dadurch aus, dass er die Stellen vor den schnellen Passagen langsamer spielte, sodass die nachfolgenden vergleichsweise flott klangen. Aber es geht nicht nur um Ausgleich: im Alter gewinnt man z.B. an Welt- und Erfahrungswissen.

Da das Alter noch eine recht junge Erscheinung ist, geistern immer noch Altersstereotypen herum, die wirklich Einfluss auf das Leben haben können: man kann einen alten Menschen senil und gebrechlich reden! Umgekehrt gilt, dass das Altern im Kopf beginnt und interpretiert werden will.

Der Autor verschließt aber nicht seine Augen vor den schwierigen Entwicklungen. Unsere verlängerte Lebenserwartung hat ihren Preis, am Ende steht die Verletzlichkeit eines langen Lebens.

Es lohnt sich also, sich früh mit seinem Altern zu beschäftigen, denn die Weichen werden vorher gestellt.

Wer ein bisschen Zeit hat, kann sich hier diesen beeindruckenden Menschen im Interview ansehen.

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Jonas Lüscher
Kraft

 


C.H. Beck

 

Eine Million Dollar hat der Internet-Mogul Erkner ausgelobt für die Antwort auf die Frage, warum alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Genau das Richtige für Richard Kraft, Rhetorikprofessor aus Tübingen, der sich in jungen Jahren schon opportunistisch einen marktliberalen Anstrich gab. Genau das Richtige, weil er Geld braucht, um seine unglückliche Ehe mit Heike aufzulösen. Er macht sich auf ins Silicon Valley und versucht zu schreiben.

Statt sich darauf zu konzentrieren, tauchen vor seinem Auge seine Beziehungen auf: Jede Frau eine Sackgasse. Die letzten 14 Jahre samt Zwillingen bezeichnet Heike als „Experiment“, das es zu beenden gilt, gibt ihm 14 Tage familienfrei. Er muss an Johanna denken, die Biologin aus den Studienjahren, die ihre Hefekulturen politikfrei betreute – ein Symbol für die Naturwissenschaft, die über die Poetik lacht. Vielleicht kann er sie jetzt nach vielen Jahren hier besuchen.

Auch seine Theorien haben ihren Sinn verloren, der alteuropäische Intellektuelle scheitert. Fuchs und Igel: Der Fuchs ist schlau und kann vieles, ist aber dem Igel, der nur eine Sache kann, unterlegen - Kraft wird immer mehr vom Fuchs zum Igel. Die millionenschwere Rechtfertigung der Technik scheitert trotzdem.

Es ist eine Abfolge von unglaublichen Szenen, sprunghaft, aber doch letztlich zusammengesetzt. Und man wundert sich, warum ein recht unsympathischer Mensch einen so in den Bann ziehen kann.

Spannend dazu der Literaturkritiker Andreas Isenschmid in 3sat

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Ulrike Edschmid
Ein Mann, der fällt

 


Suhrkamp

 

Eigentlich so gar kein Buch für mich, Liebesgeschichte mit dramatischer Lebenswende. Juli 1986: Ein Paar, das ein neues Leben anfangen will, renoviert eine Berliner Wohnung. Er fällt von der Leiter, querschnittsgelähmt. Er kämpft sich zurück, aber es wird nicht die abgedroschene Floskel vom "Willen" bemüht. Er kann sich wieder mit Stöcken fortbewegen, aber von richtigem Laufen kann nicht mehr die Rede sein. Das Fallen hört nicht auf – er fällt immer wieder, im Bad, auf dem Gehsteig, im Büro, im Supermarkt. "Er lernt zu fallen", heißt es an einer Stelle. "Ob es geht, wird sich zeigen, wenn er es tut. Sein Weg ist keine Rückkehr." Das Selbstverständliche erfährt jeden Tag eine radikale Umdeutung.

Die Kamera zieht auf, die Wohnung - Zufluchtsort und Beobachtungsstation - kommt in den Blick, das Haus, der Behindertenparkplatz, um den es einen ständigen Kampf gibt. Nebenbei wird es so zu einem West-Berlin-Buch. Das Leben draußen wird schneller, lauter, roher, gewalttätiger.

Bemerkenswert an dieser Autorin ist ihr Ton, ein ganz besonderer, beeindruckender Ton. Hier wird nicht gewertet, sondern geschildert. Nicht sagen, sondern zeigen, lautet eine alte Regel des Schreibens.

Doch ein Buch für mich!

Auch die Süddeutsche findet das Buch gut.

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Axel Hacke
Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

 


Kunstmann

Der Autor sitzt auf einer Bank, über ihm im Haus hört man einen Ehestreit. Plötzlich schubst ihn ein alter Herr mit einer überraschend kräftigen Bewegung ins Gras. Sekunden später kracht auf eben jene Stelle aus dem Fenster oben ein schwerer Globus auf die Bank.

Von diesem Tag an besucht ihn der melancholische Alte oft. Manchmal ist er zu verrückten Streichen aufgelegt und lässt die steinernen Löwen in der Feldherrnhalle durch Feuerreifen springen. Eigenartige Begegnungen sind an der Tagesordnung: So die trotz Verbot rauchende Schlange, der der Alte mit den Worten „Irgendwie verbotsresistent!“ die Kippe aus dem Maul nimmt. Der alte Mann zeigt ihm nun seine Frühwerke, verworfene Schöpfungen, wie z.B. die Ein-Mann-an-einem-Schreibtisch-Welt, die eine unendliche Traurigkeit ausstrahlt. Irgendwie hadert Gott mit seinem Werk und sucht Zerstreuung und Unterhaltung. Als die Welt mal wieder von religiösen Eiferern erschüttert wird, trifft er Gott am nächsten Tag am Flaschencontainer. Er habe – quasi aus Trotz gegen moralischen Religionsbotschaften - das ein oder andere Gläschen Champagner trinken müssen. Aber es bleibt nicht nur der Zweifel an seiner Schöpfung, er führt auch einen riesigen Schmetterling in seiner ganzen Schönheit vor.

Ein schmales Bändchen voller Humor und Herzenswärme, schön illustriert von Michael Sowa. Theolog*innen müssen aber manche Seiten aber zweimal lesen, weshalb ich das Buch auf etwa 160 Seiten schätze.

Mehr Eindrücke gibt es bei „Christ in der Gegenwart“, von Christine Westermann und in der Leselupe.

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