LitTipps


Ein Book-Review der etwas anderen Art


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Die LitTipps wollen nicht nur über die neueste religionspädagogische Literatur informieren, vielmehr wollen die LitTipps die Lehrkräfte im Fach Religion, die Lust am Lesen haben, von ganz verschiedenen Seiten her inspirieren: Von der Fachliteratur bis zum Krimi, vom Hörbuch bis zum Computerspiel – einfach ohne Begrenzungen und gnadenlos subjektiv, auch nicht dem Götzen der Aktualität verpflichtet.

LitTipps ist ein Service von Dr. Volker Dettmar, Schulpfarrer der EKHN, Journalist und Autor, Vater dreier Kinder. Seine Leidenschaften: Computer, Kochen, Fotografieren, notorische Neugier, Himmel über dem Kopf und natürlich Lesen. Die LitTipps gibt es als eine ständige Rubrik in den RPI-Impulsen. Die Online-Version bietet gegenüber der Printausgabe den ein oder anderen Hinweis oder Link.

Archiv


Hier finden Sie LitTipps aus früheren Ausgaben der RPI-Impulse.

Aktuelle LitTipps


José Saramago
Das Evangelium nach Jesus Christus

 


Atlantik

 

Zugegeben, kein neues Buch, nur neu herausgegeben. Zugegeben, kein einfaches Buch: Man braucht seine Zeit, um sich in die Sprache des Nobelpreisträgers einzulesen. Aber dann ist es wie in Trance, das Buch packt einem am Wickel und lässt nicht mehr los.

Wird im NT wenig erzählt von der Geschichte Jesu bis zu seinem öffentlichen Auftreten, so ist es im Buch umgekehrt. Saramago entfaltet Geburt, Kindheit und Jugend und bleibt am Ende eher zurückhaltend. Nach der Geburt steht Josef im Vordergrund: er ist der Vater von Jesus und prägt seinen Sohn. Saramago verweltlicht theologische Aussagen: So hat Josef keinen Traum, der ihn vor dem Kindermord in Bethlehem warnt, sondern er lauscht bei Soldaten. Das Ergebnis ist das gleiche. Er versteckt seine kleine Familie, flieht also nicht nach Ägypten. Aber das entscheidende ist, dass er Zeit seines Lebens darunter leidet, die anderen in Bethlehem in Verderben laufen zu lassen. Er hat fortan jede Nacht einen Albtraum, der ihn quält. Quasi als Buße dafür geht er in den Tod und wird als vermeintlicher Aufständischer von den Römern gekreuzigt. Und von diesem Tag an erbt Jesus seinen Traum und seine Schuhe.

Der Verkündigungsengel ist eine rätselvolle Gestalt. Als Hirte taucht er bei Maria auf, später, nach Josefs Tod, geht Jesus bei ihm in die Lehre. Er verrichtet keine Gebete, weiß alles über Jesus, scheint sowohl Fluch als auch Segen zu sein. Ganz biblisch ist die Gottesbegegnung in der Wüste. Gott verlangt von ihm das Opfer des geliebten Schafes.

Mit wunden Füßen von der Wüstenwanderung kommt er zum See Genezareth, wo er der selbstbewussten Prostituierten Maria aus Magdala begegnet, die ihm nicht nur die Füße pflegt. Sie verlieben sich, Maria gibt ihren Beruf auf. Jesus träumt nicht mehr den schrecklichen Traum, muss aber fortan mit der Prophezeiung Gottes leben und letztlich sterben.

Sehr spannend, was die Theologiestudierenden dazu zu sagen haben, Zeitgeschichte und Kritik des Buches durch die katholische Kirche findet sich in der deutsch-chilenischen Wochenzeitung.

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Stephan Hermsen
Woran wir glauben

 


Klartext

 

„14 Gespräche über die religiöse Vielfalt Nordrhein-Westfalens“, so lautet der Untertitel. Das ist an dieser Stelle aber nicht nur ein Gruß an die Enklave der Rheinischen Kirche um Wetzlar. Die hier beschriebene religiöse Landkarte erinnert stark an Hessen, an das multikulturelle Rhein-Main-Gebiet, an die ländlichen Teile, an katholische und evangelische Gegenden. Der Journalist Hermsen zeichnet die Landschaft des Glaubens anhand sehr persönlich geführter Interviews, Wohnzimmergespräche, bei denen man die Kaffeetasse klappern hört. Er besucht einen katholischen Bischof und den evangelischen Präses, lädt sich ein bei einem Schauspielintendanten, einem Bänker und einem Humanisten, klingelt bei einer Buddhistin und einem Religionssoziologen, ist zu Gast bei Muslimen, Bahai, Juden, Hindus.

Sehr feinfühlig hält er die Waage zwischen der Religion als solcher und dem je persönlichen Weg der interviewten Personen. Oder anders gesprochen: Es wird sehr deutlich, welches der vielen Zimmer im Lehrgebäude der jeweiligen Religion bewohnt wird und wie es ausgestattet ist. Einen nicht unwichtigen Beitrag dazu leisten die guten Fotos im Buch. Die Texte eignen sich also gut, um Schülern und Schülerinnen einerseits einen Blick auf die Religion als ganze zu eröffnen, gleichzeitig aber das Augenmerk auf die biografischen Besonderheiten zu richten. Nicht einfach, aber gelungen!

Ach, eines noch: der Pfarrer auf Schalke kommt auch vor.

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Robert Seethaler
Das Feld

 


Hanser

 

Ein Mann namens Harry sitzt auf einer Bank auf einem Friedhof und betrachtet die Grabsteine. Und diese fangen an, die Geschichte der Menschen zu erzählen, die unter ihnen liegen. Nun reiht Robert Seethaler eine Lebensgeschichte an die andere, manche kurz, nicht einmal eine Seite, manche lang, ausführlich. Zuerst sind es nur lose Puzzleteile, weit verstreut.

Die Toten selbst erzählen ihr Schicksal und das findet Harry richtig: „Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“ Aber ganze Biografien werden nicht erzählt, was aber erzählt wird, folgt keiner Regel, sogar die Sprache wechselt von Geschichte zu Geschichte.

Am Anfang kennt man nur den Namen der Stadt, in der diese Leben gelebt werden: Paulstadt. Im Kopf hatte ich eine leere Karte. Die feine Kunst des Autors besteht darin, auf dieser Karte Bilder entstehen zu lassen, von Häusern, Stuben, Arbeitsplätzen, vom Lehrer, Finanzbeamten, Gemüsehändler, von der Schuhladenbesitzerin. Die Geschichten sind überschaubar und der Stil im guten Sinne schlicht: Seethaler hat einmal von sich gesagt, er schreibe wie ein Holzschnitzer schnitzt. Alles Überflüssige komme weg.

Dennoch verlangt das Buch hohe Aufmerksamkeit: Denn Seethaler spinnt die Fäden zu einem lebendigen Bild einer kleinen Stadt. Aber das scheint nicht sein eigentliches Ziel zu sein - er erzählt von der Gelassenheit und Sanftheit des gelebten Lebens, obwohl sich neben den stillen Geschichten ohne Höhen und Tiefen auch dramatische Schicksale finden. Am Ende klappt man das Buch sehr langsam zu, legt es vor sich und sagt: "Ja, so ist es!"

Die Einschätzung des Deutschlandfunks ist HIER zu hören, einen Beitrag der aspekte-Redaktion gibt es HIER.

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Bernd Beuscher, Melanie Grybel
Religion+Respekt "Moral"

Ein Bildungsmagazin aus christlicher Perspektive


aej

Als ich da Heft zum ersten Mal in die Hand nahm, wohlmeinend, denn ich kenne Beuschers Bücher, entfuhr mir ein "hä?". Was soll ich damit? 100 großzügige Seiten mit Collagen, kurzen Texten, verstörenden Bildern, Zitaten, Grafiken. Z.B. eine komplett weiße Seite, mitten drauf in kleiner Schrift "Gott". Soll ich damit in den Unterricht gehen? Ja, ich soll! Und das kann so gehen: Zuerst einmal muss ich manch gut funktionierende Unterrichtsreihe ("religionspädagogischer Güterverkehr") aus der Schultasche in den Schrank packen. Dann bin ich dran: grübeln über eine Seite, meckern ("Das funktioniert doch nicht!"), nochmal hinschauen ("Jedes Bild hat eine Offensichtlichkeit, die täuscht. Irritationen und Brüche sind wichtig."), Büsten von Kant ("Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen.") und Kierkegaard (existentielle Intelligenz) auf den Schreibtisch stellen, mit den Bildern und Zitaten aus dem Heft einen Spaziergang durch meine Schüler*innen machen (mit dem ganz normalen Wahnsinn fertig werden). Dann rein in den Unterricht und mit ihnen den Mehrwert profaner Phänomene entdecken, Auge und Ohr dafür haben, dass sich auch in Populärem etwas offenbaren kann, was nicht von dieser Welt ist. Riskanter Religionsunterricht halt.

Man mag damit die Komfortzone des Bekannten verlassen müssen, das heißt aber nicht, dass man das christliche Terrain hinter sich lässt, um ganz in der säkularen Lebenswelt aufzugehen. Ganz im Gegenteil: hier kann man die Gleichnisfähigkeit der Welt für das angebrochene neue Reich der Himmel entdecken und den christlichen Traditionsschatz. Und das im Unterricht. Geht doch!

Die Magazine aus der Reihe, von denen neben „Moral“ auch noch „Cybermobbing“ erschienen ist, sind zu beziehen über theofy.world@posteo.de

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Matthias Drobinski
Lob des Fatalismus

 


claudius

 

"Machen Sie sich denn gar keine Sorgen?" - "Würde es denn helfen?" Mit diesem Filmzitat trifft man die Grundthese des Essays (130 Seitchen) des Journalisten der Süddeutschen Zeitung ziemlich genau. Er möchte angesichts der "Jeder-ist-seines-eigenen-Glückes-Schmied-Gesellschaft" eine Lebenshaltung aus der Schmuddelecke holen.

Diese Position hat der Fatalismus nicht ganz zu Unrecht inne: Schicksalsglaube gegen freien Willen, dieses gegensätzliche Paar zieht sich durch Philosophie und Theologie. Ist der Mensch haftbar zu machen, wenn alles Schicksal, gottgewollt ist? Nur wer sich frei entscheiden kann, kann er auch verurteilt werden. Und dann hat der Fatalismus auch geholfen, Untertanen ruhig zu halten. Selbst Hitler sah sich als Teil einer Vorsehung - kein Wunder, dass der Fatalismus eine schlechte Presse hat.

Heute gilt: optimiere dich, arbeite an dir. Das gilt für Freundschaften, Liebe, Kindererziehung. Und für den Körper. Wenn's nicht läuft, dann ist das eine dornige Chance. Was aber, wenn positives Denken nicht mehr hilft und dreckige Probleme dreckige Probleme bleiben?

Jede noch so ruhig dahinziehende Existenz hat Brüche, Spalten, die sich morgen auftun können. Ein gesunder Fatalismus hat deshalb nichts zu tun mit bequemer, zynischer oder depressiver Resignation vor den Zuständen der Welt und dem Lauf des Lebens. Mehr noch, die Schicksalsergebenheit hat eine besondere Kraft: Der Fatalismus beugt sich dem Unausweichlichen und bewahrt doch das Eigene. Er verkleinert das Übermächtige, wie es auch der Humor tut.

Letztlich bleibt ein christlicher Realismus: Gelassenheit, unveränderbare Dinge hinzunehmen, und Mut zu verändern, was zu ändern ist. Und beides zu unterscheiden. Mit Gnade und Gottvertrauen lässt es sich auf dem schwankenden Boden des Lebens aushalten.

Mehr dazu kann man hier hören und lesen bei den Kolleg*innen der Kirchensendung vom Deutschlandfunk. Ein wunderbares Interview!

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Ilona Nord, Hanna Zipernovsky (Hrsg.)
Religionspädagogik in einer mediatisierten Welt

 


Kohlhammer

In dieser Sammlung von Aufsätzen geht es nicht nur um Konzepte digitalen Lernens im RU, sondern darüber hinaus auch um „medienkritische Medienbildung“. Obwohl durch die Vielzahl von Perspektiven und Ansätzen natürlich kein einheitliches Konzept zu erwarten ist, leitet der Gedanke, dass der RU einen Beitrag dazu leisten muss, die Zukunft mediatisierte Lebenswelten lebensdienlich zu gestalten. Interessant ist die Tatsache, dass dieses Buch in Zusammenarbeit der Uni Würzburg mit der schwedischen Uni Umea entstanden ist.

Das erste Kapitel beleuchtet die Bedeutung von Medien für die Religionspädagogik: Die Bibel als Medium, die Medialität der Offenbarung, Theologie als Medienwissenschaft - das sind nur einige Aspekte. Das zweite Kapitel nimmt die didaktischen Perspektiven in den Blick. Nüchtern wird festgestellt, dass in der Grundschule die digitalen Medien in Deutschland nahezu ausgeblendet werden und dass das Thema Medien in Schulbüchern nur unzureichend vorkommt. Einzig Cybermobbing scheint ein virulentes Thema im RU zu sein. Im dritten Kapitel stehen die Herausforderungen und Chance im Mittelpunkt.

Hier wird es sehr spannend: Wir alle, Lehrende und Lernende, bewegen uns überall in erweiterten und komplexen Kommunikationsräumen. Dies stellt uns vor die Herausforderung, neue Lehr-Lern-Designs zu entwickeln. Chronologisches Vorgehen funktioniert hier nicht mehr, Lehrkräfte werden Lerngestalter, lernende Designer.

Insgesamt ist das Buch hoffentlich ein starker Impuls für eine produktive und kritische Diskussion in unserer Zunft.

Wer nach der Lektüre Lust darauf hat, Erkenntnisse in die eigene Praxis umzusetzen, der findet hier eine erfahrene Schule und einen erfahrenen Praktiker des Digitalen Klassenraums.

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Iwan Turgenjew
Väter und Söhne

 


dtv

 

Ich habe so meine Schwierigkeiten mit klassischer Literatur, aber dieses 150 Jahre alte Buch hält einen in Atem. Es ist die Geschichte zweier Freunde, die im Russland des 19. Jahrhunderts, einer Zeit der großen Umbrüche, der Zeitenwende, gemeinsam ihre Väter besuchen. Basarow, Medizinstudent und Nihilist aus St. Petersburg, ist der radikalere der beiden: Wozu noch an alten Werten und Idealen festhalten - weg damit! Turgenjew hat den Begriffs des Nihilismus mit diesem Buch populär gemacht, eine Haltung, die die Möglichkeit verneint, objektiv Welt und Gesellschaft, Werte und Erkenntnis zu beschreiben.

Sein Freund Arkadi, ebenfalls Teil der radikal-liberalen Jugendbewegung ist da vorsichtiger, ängstlicher: Gelten die alten Wahrheiten der Väter noch? Die Leibeigenschaft war gerade abgeschafft worden, Arkadis und Basarows Väter sind Gutsbesitzer, bewegen sich ganz langsam in die neue Zeit. Die Liberalen aber setzen auf Konfrontation und Kollision.

Dann verlieben sich die jungen Männer noch in die gleiche Frau, eine starke Person in diesem Buch. Anna ist die Gegenfigur zu Basarow, an vielem interessiert, von wenigem befriedigt. Für ihn ist das die Probe aufs Exempel: Kann man sich als Nihilist überhaupt verlieben?

Das Buch löste beim Erscheinen ein wahres Erdbeben aus, leidenschaftliche literarische und politische Debatten, und man kann es gut in der heutigen Zeit lesen, in Zeiten der digitalen Revolution und Globalisierung, der Digital Natives und Digital Immigrants.

Der Deutschlandfunk findet es auch gut, dass hier eine Neuübersetzung eintstanden ist.

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Klaas Huizing
Schluss mit Sünde!

 


Kreuz-Verlag

 

Die Wissensgeschichte ist, so der Würzburger Schriftsteller und Theologe Klaas Huizing, eine Wellenbewegung von Wucherung und Verdichtung. Reduktionskünstler nennt er solche Denker, die das Wissen immer wieder konzentrieren. Die Reformationsgeschichte ist eine solche Verschlankung und Luther der Künstler. Aber Huizing hinterfragt das „sündenverbiesterte“ Menschenbild des Reformators, schlicht weil die meisten Menschen heute nicht von Höllenängsten herumgeworfen werden, sondern wissen wollen, wie Leben gelingen kann.

Er zeigt weiter, dass die Sünden-Theologie des Jahrhundert-Theologen Karl Barth ein gigantischer Emanzipations- und Autonomiehemmer war. An der Kain-und-Abel-Geschichte verdeutlicht er eine andere Lesart: Es geht nicht um Sünde, sondern um Scham, Kain schämt sich zu Tode, verliert sein Gesicht. Und diese Scham kippt um in Gewalt. Schuld könnte mit Strafe abgetragen werden, Scham aber verlangt nach einer Neujustierung des Charakters. Hier kommt Gott ins Spiel: Er will als "Weisheitslehrer" einen Ausweg weisen. Und Jesus Christus ist die Personifizierung dieser Weisheit. Weisheit statt Heil lautet das Programm einer Erziehung zur Mündigkeit.

Dann testet Huizing diese neue Form evangelischer Freiheit vor dem Hintergrund unserer neoliberalen Gesellschaft, die unbegrenzte Optionen für Optimierungen und Glücksversprechen anbietet. Das Leben kann in der Endlichkeit gelingen, sofern man nicht verlangt, dass es zu jedem Zeitpunkt „aus einem Guss“ besteht.

Eine kluge Abrechnung mit der Sündenverbiestertheit der Theologie. Und vor allem: Der Autor versteht es, Großes in kleine Bücher zu packen.

Hier kommt der Autor noch einmal selbst zu Wort und bekommt ordentlich Gegenwind.

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