LitTipps

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Ein Book-Review der etwas anderen Art


Die LitTipps wollen nicht nur über die neueste religionspädagogische Literatur informieren, vielmehr wollen die LitTipps die Lehrkräfte im Fach Religion, die Lust am Lesen haben, von ganz verschiedenen Seiten her inspirieren: Von der Fachliteratur bis zum Krimi, vom Hörbuch bis zum Computerspiel – einfach ohne Begrenzungen und gnadenlos subjektiv, auch nicht dem Götzen der Aktualität verpflichtet.

LitTipps ist ein Service von Dr. Volker Dettmar, Schulpfarrer der EKHN, Journalist und Autor, Vater dreier Kinder. Seine Leidenschaften: Computer, Kochen, Fotografieren, notorische Neugier, Himmel über dem Kopf und natürlich Lesen. Die LitTipps gibt es als eine ständige Rubrik in den RPI-Impulsen. Die Online-Version bietet gegenüber der Printausgabe den ein oder anderen Hinweis oder Link.

Archiv


Hier finden Sie LitTipps aus früheren Ausgaben der RPI-Impulse.

Aktuelle LitTipps


Feridun Zaimoglu
Evangelio

 


Kiepenheuer&Witsch

 

Zehn Wochen, nur zehn Wochen braucht der Wittenberger Professor Martin Luther, um auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Vogelfrei ist er und deshalb hat der Kurfürst von Sachsen angeordnet, ihn dort zu verbergen und festzusetzen.

Erzählt wird die Geschichte von Burkhard, einem zu seinem Schutz abgestellten Landsknecht, der sich aber mit der Arbeit Luthers schwertut: Die Übersetzung Gottes ins „Teutsche“ wird die Welt entzweien. Burkhard ist ein Altgläubiger, ein Römling, der aber seine Pflicht – allerdings kopfschüttelnd - ernst nimmt.

Beim Schreiben verabschiedet sich Zaimoglu von der Gegenwart und reist ins Jahr 1521, frisst zum Frühstück Rüben in heißer Asche gegart und gehobeltes Kraut, um mit Wanstreißen Sätze auszuspeien. So kommt er dem Sprachschöpfer Luther nahe, schlüpft in seine Haut. Und die Haut des Wittenberger Mönchspfaff wird zerfurcht vor lauter Angst vor dem Teufel, vor lauter Aberglauben, rötet sich vor Wut, schwitzt der vielen Sünden wegen. Dann erfindet Luther die Sprache neu, gibt der Botschaft Bilder, lässt Menschen Erlösung lesen und glättet seine Haut.

Wer die ersten zehn Seiten von Zaimoglus Worttaucherei übersteht, auf den wartet ein Spracherlebnis.

Hier gibt es noch mehr Informationen:

http://www.deutschlandradiokultur.de/feridun-zaimoglu-ueber-seinen-roman-evangelio-diese-worte.1270.de.html?dram:article_id=380840

https://www.ndr.de/kultur/buch/buchdesmonats/Feridun-Zaimoglu-Evangelio,evangelio102.html

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2017/03/Feridun-Zaimoglu-Evangelio.html

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Hanns-Josef Ortheil
Was ich liebe und was nicht

 


Luchterhand

 

Ach, viel kann man über dieses Buch gar nicht sagen. Doch, eines: jeden Abend habe ich mich gefreut, den Computer herunterzufahren, mich in den Sessel zu setzen und von Ortheils Vorlieben und Abneigungen zu lesen: über Musik hören und fernsehen, über Briefe schreiben und telefonieren, über Schwimmen im Meer und Fußball, übers Wohnen und den Garten, über Oasen und den Westerwald, über das Gotteshaus und innere Landkarten.

Es ist die Geradlinigkeit der Sprache und Freude am Leben, nicht ungetrübt, aber nach vorne gewandt, die den Lesegenuss ausmacht. Und zu jedem Kapitel schreibe ich mein eigenes dazu. Schade nur, dass das Buch auf Seite 363 aufhört.

 

Mehr hier:

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Andreas Venzke
Martin Luther

Die Freiheit des Wortes und das Lauffeuer der Reformation


Arena

 

Andreas Venzke, erfahrener Autor von Jugendbüchern über historische Gestalten und Geschichten, beschreibt das Leben des Reformators für Jungen und Mädchen ab 11 Jahren. Und die können ganz unterschiedlich an das Buch herangehen. Man kann z.B. nur die spannenden Erzählungen aus der Ich-Perspektive Luthers lesen - das erleichtert es für Jugendliche, die großen historischen Veränderungen und die schwierigen theologischen Zusammenhänge nachzuvollziehen. Das alles ist garniert mit Karikaturen: Luther, der den Teufel mit einer Bibel zu erschlagen versucht, prägt sich sicher ein. Oder man informiert sich in kurzen Sachkapiteln über Einzelaspekte der Reformation, verständlich und kurz geschrieben. Ein Glossar, eine Zeittafel und ein paar knackige Lutherzitate ergänzen das Buch. Wenn Gedrucktes Jugendliche noch erreichen kann, dann diese Seiten.

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Philippe Wampfler
Generation Social Media

Wie digitale Kommunikation Leben, Beziehungen und Lernen Jugendlicher verändert


Vandenhoeck & Ruprecht

Der Schweizer Philosoph und Medienkundler erzählt, wie digitale Kommunikation das Leben, die Beziehungen und das Lernen von Jugendlichen verändert. Diese Tatsache ist unbestritten, wie das aber zu deuten ist, da gehen die Meinungen auseinander. Die einen sehen darin den Untergang des Abendlandes, die anderen sehen hier eine nie dagewesene Chance, dass Jugendliche abseits von etablierten, schwerfälligen Strukturen Mittel und Wege finden, sich zu bilden und zu informieren.

Seine Haltung ist kritisch zugewandt: Anstatt vorschnell von „Sucht“ zu sprechen (ein Vorwurf, den sich auch der Film, das Fernsehen und selbst das Buch anhören mussten!), versucht er die Praktiken der Jugendlichen aus sich heraus zu verstehen, ordnet sie in ihren Entwicklungsprozess ein, weist auf Gefahren und ökonomische Strukturen hin und eröffnet dann einen pädagogischen Zugang.

Das Beste an diesem Buch ist, das man die Kompetenz erwirbt, Schüler*innen zum Gespräch über ihre - oft fremden - Medienpraktiken einzuladen, anstatt nur disziplinarisch oder klagend zu reagieren.

Und hier kann man den Autor in klarer und verständlicher Weise sprechen hören und sehen!

Martin Altmeyers Buch „Auf der Suche nach der Resonanz“ ist ein ähnlich wegweisendes Buch. Hier wird von der Position der Psychoanalyse auf das Phänomen der sozialen Medien geblickt. Mehr dazu auf der Homepage des Verlages und in einer interessanten Besprechung bei den katholischen Kolleg*innen.

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Holm Tetens
Gott denken

Ein Versuch über rationale Theologie


Reclam

 

90 Seiten, aber Vorsicht, die haben es in sich! Der gewichtigste Widersacher des Gottesglaubens, so der Professor für theoretische Philosophie aus Berlin, sei der der Naturalismus. Der behauptet nämlich, dass es nur die durch die Wissenschaften erkennbare Erfahrungswelt gäbe.

Der Autor kann aber gute Argumente dafür ins Feld führen, dass diese Behauptung selbst eine Glaubensaussage ist: Es sei nicht möglich, das Mentale und das „Ich“ rein naturalistisch zu erklären. Mehr noch: der Naturalismus selbst ließe sich nicht aus den Naturwissenschaften ableiten. Die Philosophie müsse, so Tetens, wieder über den gnädigen Gott, der vorbehaltlos unser Heil wolle, nachdenken, anstatt den Menschen als ein Stück hochkompliziert organisierter Materie zu sehen.

Eine Streitschrift ohne Polemik, dafür mit einer Argumentationsdichte, die ihresgleichen sucht. Findet auch die ZEIT.

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Eugen Ruge
Follower

 


Rowohlt

Das ist eines der verrücktesten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Das merke ich immer daran, dass ich immer wieder Leuten davon berichten muss. Eugen Ruge erzählt eine finster-komische Geschichte aus der nächsten Generation, aus einer Zukunft, in der wir schon jetzt leben.

Aber zuerst zum Stil (hier gibt es Leseprobe!): Die Geschichte von Nio Schulz, der in China unterwegs ist, um die neueste Geschäftsidee seiner Firma zu vermarkten, wird ohne Punkt, ohne Satzende erzählt. Was bei vielen Autoren eher als bemühte Originalität daherkommt, wird bei Ruge zum „time tunnel“ hin zum Verschwinden von Nio aus der digital bestimmten Welt. Schwer, sich diesem Sog zu entziehen.

Nio schwimmt in einem Strom unaufhörlicher Informationen, die er in seine Brille eingespiegelt bekommt. Seine Welt ist „pc“, gegendert, optimiert: Männerfahrstuhl, Sonderbefähigte am Frühstückstisch, eumelanin-pigmentierte Menschen, Kaiserschmarrn eifrei, milchfrei, mehlfrei, ohne Zucker. Nio taumelt durch seine Welt wie in einer Wasserrutsche, einer Röhre voller aufblinkender Lichter und unerwarteter Richtungswechsel.

Dann am Ende des Buches ein unglaublicher Abschnitt: Vom Urknall an entwickelt der Autor die Unwahrscheinlichkeitsgeschichte, die zum Individuum Nio Schulz führt, die Unwahrscheinlichkeit der Entstehung des Kosmos, der Erde, des Lebens und dann durch die Menschheitsgeschichte hindurch die Unwahrscheinlichkeit der Generationenfolge. Und doch existiert er, um dann vom Radar der Überwachungsbehörden zu verschwinden und aus der Welt der Waren zu entfliehen. Wie gesagt, ein verrücktes Buch.

Etwas kritischer sieht das Burkhard Müller von der ZEIT

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Günter Scholz
„Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?“

Martin Luther in Selbstzeugnissen


C.H. Beck TB

Bücher über Luther werden im Moment nicht gezählt, sondern in Kilo gewogen. Warum sollte man nun also dieses Luther-Buch kaufen und lesen? Ganz einfach der Sprache des Reformator wegen! Der Kunsthistoriker Günter Scholz lässt den Wittenberger im Original zu Wort kommen und seine Geschichte erzählen. Schaut man ins Inhaltsverzeichnis, wird einem klar, dass hier nicht jedes Thema tiefgründig und gelehrt behandelt werden kann. Es sind vielmehr Schlaglichter. So wird z.B. das Übersetzen auf sieben schmalen Seiten verhandelt. Dafür hört man den Reformator im O-Ton und das mag dazu beitragen, dass sich das Gesagte dauerhafter im Gehirn festkrallt.

Und noch etwas ist zu bemerken: Der Autor redet den polternden Mönch nicht schön, bei machen Zitaten hält man die Luft an und es gibt wohl keine Seite, die man als politisch korrekt bezeichnen kann.

Deswegen sollte es nicht das einzige Buch sein, das man über Luther und die Reformation liest. Aber diese Gefahr droht dieser Tage ja kaum.

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Rainer Oberthür
Das Buch vom Anfang von allem


Kösel

 


Zwei Geschichten und einfach nur schön! Im oberen Teil der Seite wird die Entstehung der Welt aus der Sicht der Naturwissenschaft beschrieben, im unteren Teil aus der Sicht der Bibel und des Glaubens. Verbunden sind beide durch Bilder.

Mit einem poetischen Zugang überwindet Oberthür die scheinbare Unversöhnlichkeit zwischen Naturwissenschaft und Bibel und fügt es zu einem Ganzen. Es ist erfrischend, dass es kein „Und die Bibel hat doch recht!“ gibt – keine Rechtfertigung, einfach nur der andere Blick, der Blick des Geschöpfs auf die Schöpfung.

Die Texte sind fast liturgisch. Man könnte sich einen Gottesdienst vorstellen, in dem zwei Menschen die beiden Stränge lesen, die Bilder in die Kirche projiziert werden, die Orgel das Geschehen kommentiert.

Das Neben- und Ineinander der beiden Sichtweisen zeigt die Schönheit und – für Kritiker – die Versöhnung von Schöpfung und Evolution. Und Gott sah, dass es gut war!

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