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Ein Book-Review der etwas anderen Art


Die LitTipps wollen nicht nur über die neueste religionspädagogische Literatur informieren, vielmehr wollen die LitTipps die Lehrkräfte im Fach Religion, die Lust am Lesen haben, von ganz verschiedenen Seiten her inspirieren: Von der Fachliteratur bis zum Krimi, vom Hörbuch bis zum Computerspiel – einfach ohne Begrenzungen und gnadenlos subjektiv, auch nicht dem Götzen der Aktualität verpflichtet.

LitTipps ist ein Service von Dr. Volker Dettmar, Schulpfarrer der EKHN, Journalist und Autor, Vater dreier Kinder. Seine Leidenschaften: Computer, Kochen, Fotografieren, notorische Neugier, Himmel über dem Kopf und natürlich Lesen. Die LitTipps gibt es als eine ständige Rubrik in den RPI-Impulsen. Die Online-Version bietet gegenüber der Printausgabe den ein oder anderen Hinweis oder Link.

Archiv


Hier finden Sie LitTipps aus früheren Ausgaben der RPI-Impulse.

Aktuelle LitTipps


Yuval Noah Harari
Homo Deus

 


C.H. Beck

 

Homo Deus - der göttliche Mensch. Das klingt wie eine ungeheure Anmaßung. Der Mensch hat sich in den letzten 150 Jahren rasant aus den Fesseln der Natur befreit, Krankheiten und Kriege haben immer weniger Bedeutung. Schon heute sterben mehr Menschen an Cola als an Cholera. Und jetzt hämmert der Homo Sapiens an die Pforte des Todes - dahinter die Unsterblichkeit, aus eigener Kraft?

Der israelische Universalhistoriker, der inzwischen zu einer viralen Medienfigur geworden ist, entwirft ein düster-optimistisches Bild der Zukunft. Das scheint zuerst ein Gegensatz zu sein. Aber man ist beim Lesen hin- und hergerissen zwischen Technikbegeisterung und abgrundtiefem Schrecken.

Der Mensch hat mit Wissenschaft und Technik den sicheren Hafen religiöser Sinnstiftung gegen die Macht eingetauscht, sein Schicksal selbst zu lenken. Mehr noch: Hat der alte biblische Gott es gerade noch vermocht, organisches Leben zu schaffen, ist der Homo Deus jetzt dabei, nicht-organische Wesen zu kreieren, der künstlichen Intelligenz sei Dank. War Gott noch mit Giraffen und Gemüse beschäftigt, werden wir jetzt Gehirne und Geist gestalten.

Für die reiche Elite zeichnet sich eine gute Zukunft ab. Intelligente Computersysteme werden dem Menschen immer mehr Aufgaben abnehmen, Defekte im Körper reparieren oder ersetzen. Aber es wird eine neue Klasse geschaffen werden, eine Klasse der Nutzlosen, die bestenfalls mit virtuellen Welten, in die sie eintauchen können, ruhiggestellt werden können. Für die Reichen wird organisches Leben mit künstlicher Intelligenz verschmolzen und so die Grenze des Todes überschritten werden. Der Mensch hat ein Recht auf Leben und der Tod verstößt halt dagegen.

Yuval Noah Harari nimmt einen mit auf atemberaubenden Ritte durch wissenschaftliche Disziplinen und wagt den Blick in eine nicht allzu ferne Zukunft. Doch er will nicht prophezeien, sondern provozieren. Und er hofft darauf, dass die Zukunft, die er sieht, nicht eintreffen wird.

Ausführliche Einschätzungen und Einblicke gibt es hier und hier. Sehenswert ist auch ein Beitrag in 3SAT.

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Alois Prinz
Bonhoeffer, Wege zur Freiheit

 


Gabriel

 

Der Widerstandskämpfer und Theologe Dietrich Bonhoeffer scheint allen bekannt. Wie und vor allem warum er es wurde, beschreibt Alois Prinz in seiner Biografie, die sich eigentlich an Jugendliche, aber im Grunde an alle Interessierten richtet. Sportlich, verspielt, musikalisch - so ist der aus einer großbürgerlichen Familie stammende Dietrich.

Und er hat Talent: immer der Erste, immer der Beste, immer der Jüngste. Er studiert Theologie um der Theologie willen und lernt erst durch viele Auslandsaufenthalte, wie wichtig Frömmigkeit und das Handeln aus dem Glauben heraus ist. Je älter Dietrich wird, desto mächtiger wird der Nationalsozialismus: Es scheint eine innere Verbindung zwischen der aufkommenden unheilvollen Macht und der Lebensentwicklung Bonhoeffers zu geben: Obwohl er die Ordnung der Dinge als grundlegend für die Welt erachtet, muss er immer radikaler gegen die bestehende Ordnung, Hitlers Politik, angehen.

Er weiß, dass die Nazis ihn auf der Liste haben, aber kehrt er aus dem sicheren London zurück. Als ökumenischem Theologen stand ihm buchstäblich die ganze Welt offen - und dennoch entscheidet er sich für die Rückkehr und gründet das Predigerseminar der Bekennenden Kirche und endet letztlich im KZ.

Der Autor hat ein Auge auf das Große und das Kleine: Es wird die Geschichte Bonhoeffers mit dem großen Theologen Karl Barth ebenso erzählt wie das liebevolle Verhältnis Dietrichs zu seiner konsequenten Großmutter Julie. Eine Lebensgeschichte, die berührt, wütend und traurig macht, nachdenken lässt.

Ein Interview mit dem Autor auf der Buchmesse gibt es hier.

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Gerd Theißen
Der Anwalt des Paulus

 


Gütersloher Verlagshaus

 

Erasmus, Anwalt in Rom, wird von Vertretern der jüdischen Synagoge darum gebeten, die Verteidigung eines gewissen Paulus zu übernehmen. Bevor er sich entscheidet, holt er überall Informationen über diesen umstrittenen Menschen ein. Sein philosophischer Freund Philedemos, rät davon ab. Aber Erasmus ist verliebt in Hannah, die kluge Tochter des Synagogenvorstehers. Sie ist es auch, die ihn im Verlauf der Geschichte zu den Christusanhängern mitnimmt.

Wenn ein renommierter Neutestamentler einen Roman schreibt, sollte man keinen Historienschinken wie Spartakus erwarten. Hier knistert keine Spannung, es ist eher ein Lehrroman, eine unterhaltsam lesbare Geschichte des Paulus und seiner Denkweise.

Mir hat gefallen, dass es keine fromme Heiligenlegende ist, sondern hier die Geschichte des Paulus und der Christen aus römischer Sicht erzählt wird: lästige Streitereien im Judentum also, die den Frieden Rom, die Pax Romana stören.

Spannend und zugleich hochaktuell der Dialog des Anwalts mit Paulus im Gefängnis über das Gesetz: Macht das Gesetz den Menschen besser, oder ist er besser ohne Gesetz? Vor allem aber will Erasmus eine Antwort auf die Frage, ob dieser Jude noch dieser Fanatiker geblieben ist, der er früher einmal war, als er die Christen verfolgt hat?

Am Ende wird es dann doch noch einmal leidlich spannend, aber darum geht es wohl auch nicht. Es kommt Theißen auf den Dialog an, in diesem Buch wird unentwegt geredet, und das alles hat seinen Sinn. Am Ende hat man sich auf leichte Weise eine kurze Theologie des Paulus angeeignet. Was will man mehr!

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Fechtner, Hermelink, Kumlehn, Wagner-Rau
Praktische Theologie

Ein Lehrbuch


Kohlhammer

 

Seit fast 20 Jahren geht mal wieder ein Lehrbuch der Praktischen Theologie an den Start – wurde auch Zeit! Erfreulich: mit 290 Seiten braucht man keinen Waffenschein dafür, kompakt, gut strukturiert und lesbar kommt es daher.

Aber warum sollte ich mir ein Lehrbuch kaufen? Das brauchte ich zur Examensvorbereitung und jetzt habe ich 10, 20 Jahre Praxis auf dem Buckel. Vielleicht gerade deswegen. Die Praktische Theologie versteht sich als Nachdenken über religiöses Handeln und das ist beim Lesen gut nachzuvollziehen.

Zuerst in den Querschnittsartikeln: Reflexion christlicher Religionspraxis, Christentum und moderne Gesellschaft, Religion und Gegenwartskultur und Religion und Individuum. Hier merkt man die Konzeption als Lehrbuch, denn diese Gebiete theologischen Nachdenkens sind nicht Darstellungen abwegiger Einzelmeinungen, sondern Gegenwartstheologie, allerdings zugespitzt und pfiffig, sensibel für kulturelle Veränderungen.

Es folgen die klassischen Handlungsfelder Kasualien, Kirchentheorie, Seelsorge, Pastoraltheologie, Liturgik und Homiletik. Die Religionspädagogik weist etwas Bemerkenswertes auf: Hier wird nicht mehr getrennt nach der Gemeindepädagogik und der Schulpädagogik – eine Ermutigung aller, die in der Schule arbeiten, und ein ekklesiologischer Fingerzeig.

Zu den klassischen Lebensäußerungen von Kirche und Religion treten Frömmigkeit/Spiritualität, Publizistik und Diakonik hinzu - eine notwendige und zugleich theologisch mutige Entscheidung aus der Wahrnehmung gegenwärtiger Religion heraus.

Fazit: Am Ende kommt man theologisch runderneuert, nach hinten versichert und nach vorne mit neuen Ideen versorgt aus dem Buch.

Hier kann man in das Inhaltsverzeichnis schauen, aber mindestens ebenso wichtig sind Sprache und Stil. Also mal ins erste Kapitel reinlesen.

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Hans-Werner Wahl
Die neue Psychologie des Alterns

 


Kösel

 

Der renommierte Altersforscher wartet mit „überraschenden Erkenntnissen über unsere längste Lebensphase“ – so der Untertitel – auf. Gar nicht überraschend ist der Spruch „Man ist so alt, wie man sich fühlt“, den ich immer mit einem inneren Stöhnen gehört habe. Neu ist allerdings, dass diese Binse wissenschaftlich belegbar ist. Menschen mit einem positiven Verhältnis zum Altern werden im Schnitt 7,3 Jahre älter. Da lohnt es sich doch, die Nase in ein Mut machendes Buch zu stecken.

Alten Menschen – so die Forschung – steht ein gut gefüllter Werkzeugkasten zur Verfügung, um mit Widrigkeiten und Anforderungen zurechtzukommen. Arthur Rubinstein z.B. glich seine träger gewordenen Finger beim Klavierspiel dadurch aus, dass er die Stellen vor den schnellen Passagen langsamer spielte, sodass die nachfolgenden vergleichsweise flott klangen. Aber es geht nicht nur um Ausgleich: im Alter gewinnt man z.B. an Welt- und Erfahrungswissen.

Da das Alter noch eine recht junge Erscheinung ist, geistern immer noch Altersstereotypen herum, die wirklich Einfluss auf das Leben haben können: man kann einen alten Menschen senil und gebrechlich reden! Umgekehrt gilt, dass das Altern im Kopf beginnt und interpretiert werden will.

Der Autor verschließt aber nicht seine Augen vor den schwierigen Entwicklungen. Unsere verlängerte Lebenserwartung hat ihren Preis, am Ende steht die Verletzlichkeit eines langen Lebens.

Es lohnt sich also, sich früh mit seinem Altern zu beschäftigen, denn die Weichen werden vorher gestellt.

Wer ein bisschen Zeit hat, kann sich hier diesen beeindruckenden Menschen im Interview ansehen.

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Jonas Lüscher
Kraft

 


C.H. Beck

 

Eine Million Dollar hat der Internet-Mogul Erkner ausgelobt für die Antwort auf die Frage, warum alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Genau das Richtige für Richard Kraft, Rhetorikprofessor aus Tübingen, der sich in jungen Jahren schon opportunistisch einen marktliberalen Anstrich gab. Genau das Richtige, weil er Geld braucht, um seine unglückliche Ehe mit Heike aufzulösen. Er macht sich auf ins Silicon Valley und versucht zu schreiben.

Statt sich darauf zu konzentrieren, tauchen vor seinem Auge seine Beziehungen auf: Jede Frau eine Sackgasse. Die letzten 14 Jahre samt Zwillingen bezeichnet Heike als „Experiment“, das es zu beenden gilt, gibt ihm 14 Tage familienfrei. Er muss an Johanna denken, die Biologin aus den Studienjahren, die ihre Hefekulturen politikfrei betreute – ein Symbol für die Naturwissenschaft, die über die Poetik lacht. Vielleicht kann er sie jetzt nach vielen Jahren hier besuchen.

Auch seine Theorien haben ihren Sinn verloren, der alteuropäische Intellektuelle scheitert. Fuchs und Igel: Der Fuchs ist schlau und kann vieles, ist aber dem Igel, der nur eine Sache kann, unterlegen - Kraft wird immer mehr vom Fuchs zum Igel. Die millionenschwere Rechtfertigung der Technik scheitert trotzdem.

Es ist eine Abfolge von unglaublichen Szenen, sprunghaft, aber doch letztlich zusammengesetzt. Und man wundert sich, warum ein recht unsympathischer Mensch einen so in den Bann ziehen kann.

Spannend dazu der Literaturkritiker Andreas Isenschmid in 3sat

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Ulrike Edschmid
Ein Mann, der fällt

 


Suhrkamp

 

Eigentlich so gar kein Buch für mich, Liebesgeschichte mit dramatischer Lebenswende. Juli 1986: Ein Paar, das ein neues Leben anfangen will, renoviert eine Berliner Wohnung. Er fällt von der Leiter, querschnittsgelähmt. Er kämpft sich zurück, aber es wird nicht die abgedroschene Floskel vom "Willen" bemüht. Er kann sich wieder mit Stöcken fortbewegen, aber von richtigem Laufen kann nicht mehr die Rede sein. Das Fallen hört nicht auf – er fällt immer wieder, im Bad, auf dem Gehsteig, im Büro, im Supermarkt. "Er lernt zu fallen", heißt es an einer Stelle. "Ob es geht, wird sich zeigen, wenn er es tut. Sein Weg ist keine Rückkehr." Das Selbstverständliche erfährt jeden Tag eine radikale Umdeutung.

Die Kamera zieht auf, die Wohnung - Zufluchtsort und Beobachtungsstation - kommt in den Blick, das Haus, der Behindertenparkplatz, um den es einen ständigen Kampf gibt. Nebenbei wird es so zu einem West-Berlin-Buch. Das Leben draußen wird schneller, lauter, roher, gewalttätiger.

Bemerkenswert an dieser Autorin ist ihr Ton, ein ganz besonderer, beeindruckender Ton. Hier wird nicht gewertet, sondern geschildert. Nicht sagen, sondern zeigen, lautet eine alte Regel des Schreibens.

Doch ein Buch für mich!

Auch die Süddeutsche findet das Buch gut.

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Axel Hacke
Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

 


Kunstmann

Der Autor sitzt auf einer Bank, über ihm im Haus hört man einen Ehestreit. Plötzlich schubst ihn ein alter Herr mit einer überraschend kräftigen Bewegung ins Gras. Sekunden später kracht auf eben jene Stelle aus dem Fenster oben ein schwerer Globus auf die Bank.

Von diesem Tag an besucht ihn der melancholische Alte oft. Manchmal ist er zu verrückten Streichen aufgelegt und lässt die steinernen Löwen in der Feldherrnhalle durch Feuerreifen springen. Eigenartige Begegnungen sind an der Tagesordnung: So die trotz Verbot rauchende Schlange, der der Alte mit den Worten „Irgendwie verbotsresistent!“ die Kippe aus dem Maul nimmt. Der alte Mann zeigt ihm nun seine Frühwerke, verworfene Schöpfungen, wie z.B. die Ein-Mann-an-einem-Schreibtisch-Welt, die eine unendliche Traurigkeit ausstrahlt. Irgendwie hadert Gott mit seinem Werk und sucht Zerstreuung und Unterhaltung. Als die Welt mal wieder von religiösen Eiferern erschüttert wird, trifft er Gott am nächsten Tag am Flaschencontainer. Er habe – quasi aus Trotz gegen moralischen Religionsbotschaften - das ein oder andere Gläschen Champagner trinken müssen. Aber es bleibt nicht nur der Zweifel an seiner Schöpfung, er führt auch einen riesigen Schmetterling in seiner ganzen Schönheit vor.

Ein schmales Bändchen voller Humor und Herzenswärme, schön illustriert von Michael Sowa. Theolog*innen müssen aber manche Seiten aber zweimal lesen, weshalb ich das Buch auf etwa 160 Seiten schätze.

Mehr Eindrücke gibt es bei „Christ in der Gegenwart“, von Christine Westermann und in der Leselupe.

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